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21.09.2017
ECM Sounds

Unverhoffte Modernität – Lusine Grigoryan spielt Komitas auf dem Klavier

Komitas schuf "diese herrliche weittragende und traurige Musik" (Peter Handke). Was der österreichische Schriftsteller in treffliche Worte kleidete, das demonstriert Lusine Grigoryan jetzt auf dem Klavier.

ECM Sounds, Unverhoffte Modernität – Lusine Grigoryan spielt Komitas auf dem Klavier © Susanna Martirosyan /ECM Records Lusine Grigoryan

Komitas gehört zu den großen Außenseitern der Musikgeschichte. Schwer einzuordnen, kaum fassbar. Als armenischer Priester, Komponist, Sänger, Musikpädagoge, Musikethnologe und Musikwissenschaftler sprengt bereits die Fülle seiner Berufsbezeichnungen sämtliche Grenzen.

Bewegtes Leben: Komitas Vardapet (1869–1935)

Soghomon G. Soghomonian, so sein bürgerlicher Name, wird mit elf Jahren Vollwaise und wächst bei seiner Großmutter auf. Der Junge verfügt über eine große Intelligenz und lässt eine hohe musikalische Auffassungsgabe erkennen. Dazu besitzt er eine anmutige Stimme und singt gern. Mit all diesen Gaben weckt er die Aufmerksamkeit einflussreicher Würdenträger der Armenisch-Apostolischen Kirche, die ihn fortan fördern. Soghomon G. Soghomonian wird schließlich Mönch.

Die Kirche tauft ihn auf den Namen Komitas, was als Zeichen gelten darf. Der Namenspatron ist ein Hymnendichter und Musiker des 7. Jahrhunderts. Der junge Komitas schlägt denn auch die Musikerlaufbahn ein. Er studiert in Tiflis und in Berlin. Im Jahre 1899 macht er seinen Doktor in Musikwissenschaft. Jahre leidenschaftlichen Forschens, Liedersammelns und fruchtbaren Komponierens liegen vor ihm, bevor er 1915 in die Fänge des Osmanischen Reiches gerät. Von seinem Gefängnisaufenthalt in Çankırı erholt er sich nicht mehr.

Tiefen des Volkslieds: Unverhoffte Modernität

Komitas gilt heute als Wegbereiter der modernen armenischen Musik. Der Komponist schöpft aus den Tiefen der armenischen Liedkultur, deren verborgene Potenziale er an die Oberfläche holt. Obgleich ihm jeglicher Anspruch auf Originalität fremd ist, schafft er doch eine ureigene Klangsprache, die sich durch melodiöse Einfachheit genauso auszeichnet wie durch vertiefende Wiederholungen einzelner Motive oder Einfälle. Dadurch erzeugt er beiläufig eine minimalistische Klangatmosphäre, die weit vorausweist ins 20. Jahrhundert.

Man könnte von einer unverhofften, einer nicht geplanten Modernität sprechen, die immer wieder überrascht, wenn man die doch zutiefst der Tradition verpflichtete Musik von Komitas hört. Zuletzt war dies in einem ECM-Album des Gurdjieff Ensembles zu erleben, das der Spur des armenischen Komponisten mit folkloristischen Instrumenten folgte. Jetzt erscheint ein Album mit Klavierwerken von Komitas, das die meditative, aufs Nötigste reduzierte Klangpoesie des visionären Tonschöpfers monologisch einkreist.      

Rausch der Klarheit: Lusine Grigoryan

Die armenische Pianistin Lusine Grigoryan nimmt sich in ihrem ECM-Debüt der "Sieben Lieder", "Sieben Tänze", der "Stücke für Kinder" und dem Werk "Msho Shoror" von Komitas an. Ihre Interpretation überlässt sich ganz dem meditativen Fluss dieser einzigartigen Klanggebilde. Dabei verliert sie nie die Kontrolle über das Geschehen. Im Gegenteil: Sie beharrt auf transparenter Artikulation. Grigoryan stellt jedes musikalische Detail von Komitas akribisch heraus, und obgleich dies eher ein kühles Hör-Erlebnis nahelegt, geschieht das genaue Gegenteil.

Es entsteht ein eigentümlicher Rausch, ein Rausch der Reduktion und der Wiederholungen. Der Komponist verweilt gern bei einzelnen Melodien, betrachtet sie geduldig und lässt sie wie ein ewiges Gebet weiterfließen. Lusine Grigoryan genießt diese Langsamkeit. Sie weiß um den Schatz der Einkehr, der Versenkung in eine schöne Klanggestalt. Das Spiel von Lusine Grigoryan besitzt, so der britische Schriftsteller Paul Griffith bündig, "eine geheimnisvolle Präsenz." Genau wie die Musik von Komitas.