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23.08.2017
ECM Sounds

Seelenverwandte – John Potter singt Josquin und Victoria

Der britische Tenor John Potter, langjähriges Mitglied des Hilliard Ensembles, erkundet auf seinem neuen Album gemeinsam mit Anna Maria Friman die spirituellen Tiefen zweier Renaissancegrößen: Josquin und Victoria.

ECM Sounds, Seelenverwandte – John Potter singt Josquin und Victoria © Jarmila Uhlikova / ECM Records John Potter

Er ist ein Entdecker par excellence. John Potter scheint nicht zu ruhen, ehe nicht die letzte Trouvaille des Renaissance- oder Barockzeitalters geborgen ist. Dabei sind die Quellen unversieglich. Der verschwenderische Reichtum dieser frühen Epochen der abendländischen Musikentwicklung scheint unerschöpflich. 

Künstler und Wissenschaftler: John Potter

John Potter hat viel dazu beigetragen, dass dieser kulturelle Schatz der Menschheit erhalten und vor allem lebendig geblieben ist. Als passionierter Musikforscher, der mit sorgsamem Quellenstudium vertraut ist, bringt er die besten Voraussetzungen mit, um sich in fremde Zeitalter einzufühlen. John Potter ist Künstler und Wissenschaftler in einer Person.

Beide Tätigkeiten durchdringen sich bei dem feinsinnigen Briten. Der versierte Sänger und universell gebildete Denker arbeiten Hand in Hand. Wenn der Quellenforscher etwas entdeckt, dann kann der Sänger es sofort ausprobieren. Das hat den Vorteil, dass die historische Forschung nicht in abstrakte Regionen abgleitet. Umgekehrt profitiert die Musik von der seriösen Expertise und stupenden Kenntnis des Sängers.

Ewige Klangschönheiten: Die innere Berührung

Was zählt, sind die Klangschönheiten der Alten Musik, an denen in jüngster Zeit ein stetig wachsendes Publikum Gefallen findet. John Potter, der sich um Neue Musik und Crossover-Projekte genauso verdient gemacht hat wie um Alte Musik, interessiert die hohe Qualität und der lebendige Atem einer Partitur. Was er singt, soll uns im Innersten berühren, ganz gleich, wie alt es ist. Dass er für intensives, emotional zugängliches Repertoire früherer Epochen ein Gespür besitzt, hat er in seiner jahrzehntelangen Laufbahn mehrfach unter Beweis gestellt.

Deshalb sind Neuerscheinungen von John Potter ein Ereignis. Sie verheißen tiefsinnige und spirituell gesättigte Musik, die von Ferne in unser modernes Leben hineinklingt und uns, ob wir nun religiös sind oder nicht, in eine geheimnisvoll andächtige und tröstende Stimmung versetzen. Das gilt auch für sein neues Album, auf dem John Potter zwei Renaissancekomponisten interpretiert, die gewöhnlich nicht in einem Zusammenhang gesehen werden: Tomás Luis de Victoria und Josquin Desprez.

Seelenverwandte: Tomás Luis de Victoria und Josquin Desprez

Josquin ist um 1450 geboren, Victoria im Jahre 1548. Und obwohl ihre Jahrgänge so weit auseinanderliegen, hält John Potter sie musikalisch für Seelenverwandte. Dabei beruft er sich auf Quellen späterer Lautenisten, die sich die Werke dieser Komponisten in selbstständig angefertigten Tabulaturen wieder und wieder angeeignet haben. Eigentlich besitzen solche Quellen für die Forschung nur sekundären Wert.

Für Potter sind sie jedoch zentral, weil sie das Weiterleben der Musik bezeugen, das für den britischen Sänger etwas über das Wesen dieser Musik selbst aussagt. Dann müsste aber auch das neue Album von John Potter die Seelenverwandtschaft von Josquin und Victoria demonstrieren können. Und das tut es in der Tat. Die einzelnen Liedkompositionen von "Secret History – Josquin/Victoria" fließen zusammen wie ein einziges Werk.

Die Atmosphäre auf dem Album ist durchweg friedlich, besinnlich. Die Gesänge von Anna Maria Friman und John Potter berühren sich sanft. Beide bleiben bei sich, sind äußerst konzentriert. Dennoch hören sie auf den anderen, reagieren auf seine Ansprache. Unaufdringlich virtuos: Ariel Abramovich, Jacob Heringman und Lee Santana, deren gitarrenähnlich klingendes Vihuela-Spiel wie ein ewiger Fluss weiterströmt.