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16.11.2016

Mystische Aura – Neues ECM-Album von Gavin Bryars

Seine Musik führt in unser "tieferes, meditatives Selbst" (Rob Cowan). Jetzt veröffentlicht Gavin Bryars ein neues ECM-Album. Mit der Vertonung eines religiösen Textes von Thomas Traherne zeigt er sich von seiner mystischen Seite.

Gavin Bryars, Mystische Aura – Neues ECM-Album von Gavin Bryars © Caroline Forbes / ECM Records Gavin Bryars

Es war ein genialer Einfall, der ihn berühmt machen sollte. Gavin Bryars nahm den melancholischen Gesang eines New Yorker Obdachlosen auf und kreierte daraus sein Stück "Jesus' Blood Never Failed Me Yet". Das ergreifende Lied, von Tom Waits unvergleichlich elegisch interpretiert, brachte das religiöse Urvertrauen des Obdachlosen zum Ausdruck. Der Mann tröstete sich in seiner Verlassenheit. Bryars fügte dem Lied, dessen Urheber unbekannt blieb, eine raffinierte Begleitung hinzu und setzte dem Obdachlosen damit ein musikalisches Denkmal.

Das war 1971, und William Forsythe schuf mit Quintett später ein berühmtes Ballett daraus. Für einen jungen Komponisten, der sich auf dem Feld der musikalischen Avantgarde zu behaupten suchte, war "Jesus' Blood Never Failed Me Yet" ein mutiger Schritt, setzte sich Bryars damit doch fast automatisch dem Vorwurf der sozialromantischen Sentimentalität aus. Aus heutiger Sicht zeigt das Lied, wohin die Reise gehen sollte. So modern, so experimentell seine Schöpfungen auch angelegt sein würden, sie sollten Seele haben.

Emotionale Avantgarde: Gavin Bryars

In ihnen sollte der Mensch vorkommen. Bryars ist diesen Weg konsequent weitergegangen. Der Cage-Schüler, der musikalisch erstmals in den 1960er Jahren als Kontrabassist des freiimprovisierenden Jazz-Trios Joseph Holbrooke von sich reden machte, hat immer auf emotionale, fühlbare Musik gesetzt. Rein abstrakte Versuchsanordnungen waren nicht seine Sache, und die menschliche Stimme wurde im Laufe seiner kompositorischen Laufbahn für ihn immer wichtiger.

Legendär sind seine Kompositionen für das Hilliard Ensemble, und mit Alben wie "After the Requiem" und "Vita Nova" hinterließ er in den 1990er Jahren seine eigenwillige musikalische Handschrift bei ECM. Jetzt erscheint bei dem Münchener Label nach mehreren Jahrzehnten Unterbrechung erstmals wieder ein Solo-Album des britischen Komponisten. The Fifth Century umfasst die gleichnamige siebenteilige Vertonung eines mystischen Textes von Thomas Traherne aus dem 17. Jahrhundert sowie zwei Liebeslieder mit Versen von Petrarch.

Geheimnisvolle Aura: Göttliche Ewigkeit und Liebe

"The Fifth Century" ist für gemischten Chor und Saxophonquartett komponiert. Es erinnert mit seinen tiefen, langsam fließenden Chorgesängen von Ferne an geistliche Vokalkompositionen von Arvo Pärt. Zugleich ist Bryars' Personalstil in dem Werk deutlich hörbar. Die geheimnisvolle Aura seiner Tonsprache ist unverkennbar. Bryars gelingt es, die Beschwörung der göttlichen Ewigkeit in Trahernes Buch Centuries of Meditation in musikalische Bewegung umzusetzen. Es ist, als ob auch die Musik ewig fließt und die Unendlichkeit uns keine Angst mehr zu machen braucht, sondern eher ein Gefühl der Geborgenheit bereitet.

So heißt es denn auch bei Traherne: "Die Ewigkeit erhöht unsere Freuden enorm", und wenn der überaus fein abgestimmte Chor The Crossing unter der Begleitung des Saxophonquartetts PRISM "Eternity Magnifies Our Joys Exceedingly" singt, dann spürt man etwas von dieser heiligen Freude, die sich aus der Ewigkeit speist. Weltlicher muten die beiden Liebeslieder an, die den Fokus auf die menschlichen Leidenschaften richten und von den weiblichen Stimmen des Chors mit glühender Intensität dargeboten werden. Hier zeigt sich Gavin Bryars als ein Komponist vom Range Max Regers, der deutsche Volklieder in ähnlich berührender Weise zu vertonen wusste.