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29.09.2016
Kim Kashkashian

Sprache der Seele – Kim Kashkashian spielt Schostakowitsch und Auerbach

Sie gehört zu den versiertesten Bratschistinnen der Gegenwart. Jetzt veröffentlicht Kim Kashkashian ein ECM-Album mit den 24 Präludien von Schostakowitsch und einer eigens für sie komponierten Sonate von Lera Auerbach.

Kim Kashkashian, Sprache der Seele – Kim Kashkashian spielt Schostakowitsch und Auerbach @ Claire Stefani/ECM Records Kim Kashkashian

Die Bratsche fristete lange Zeit ein Nischendasein unter den Soloinstrumenten. Dass sich diese Lage allmählich bessert, kann als ein wesentliches Verdienst von Kim Kashkashian gelten. Die amerikanische Bratschistin hat durch ihre regelmäßige Kooperation mit zeitgenössischen Komponisten das Repertoire für Viola maßgeblich erweitert, und ihre Aufnahmen klassischer und romantischer Werke haben erheblich zur Popularisierung des Instruments beigetragen.

Kashkashian versteht es mit ihrer Bratsche, poetische Stimmungen in der Schwebe zu halten. Es gehört zu den Eigenheiten ihrer Spielkultur, dass sie undeutliche Gefühle des Menschen präzise auszudrücken versteht. Dabei setzt sie den warmen Ton der Bratsche ein, um diskrete Linien zu ziehen. Man muss sehr genau hinhören, wenn man den farblichen Reichtum ihrer Klangkunst zu fassen bekommen möchte, so wie man einem Menschen aufmerksam zuhört, wenn man etwas von dem Eigensinn seiner Persönlichkeit begreifen möchte.

Unbedingte Lust am Detail: Kim Kashkashian

Kim Kashkashian selbst ist eine begnadete Zuhörerin. Wenn sie die Noten für ihr Instrument studiert, dann dringt sie Schicht für Schicht in das jeweilige Werk ein, und diese Lust am Detail, diese Differenziertheit beim Ausschöpfen harmonischer Potenziale erweist sich auch auf ihrem neuen Album als fruchtbare musikalische Tugend. Mit Schostakowitschs 24 Präludien (op. 34) hat sie sich ein Werk vorgenommen, das ihr in puncto Hörkonzentration und Detailgenauigkeit alles abverlangt.

Schostakowitsch entfaltet in den Präludien ein breites Spektrum von Stimmungen. Es reicht von melancholischen Episoden über ironische und sarkastische Momente bis hin zu tänzerischer Lust. Mal klingen diese Präludien neoklassisch und gefällig, mal muten sie romantisch und tiefsinnig an, mal hochmodern bis bizarr. Die Miniaturen des russischen Komponisten sind ein Musterbeispiel dafür, dass man aus der Sprunghaftigkeit der menschlichen Seele schöpferisches Potenzial ziehen kann.

Kashkashian stellt sich geschickt auf die abrupten Perpektivwechsel Schostakowitschs ein, und Lera Auerbach erzeugt mit ihrer souveränen Begleitung am Klavier den stabilen Kontrast, der nötig ist, damit der fiebrige Ton Schostakowitschs voll zur Geltung kommen kann. Auerbach hat die 24 Präludien von Schostakowitsch für Bratsche und Klavier transkribiert. Komponiert wurde das Werk für Klavier solo. In der Version für Bratsche und Klavier klingen die Präludien weicher und verletzlicher. Ihre lyrische Komponente tritt stärker zum Vorschein.

Die Kunst des Geheimnisses: Lera Auerbach

Das titelgebende Werk des Albums lautet "Arcanum" und ist eine Sonate für Bratsche und Klavier, die Lera Auerbach im Jahre 2013 eigens für Kim Kashkashian komponiert hat. "Arcanum steht für ein Geheimwissen", so Lera Auberbach im CD-Booklet, "ein Wissen, das wir nicht zu verbalisieren und nicht rational zu fassen vermögen."

Entsprechend rätselhaft klingt die Sonate, die mit hadernd anmutenden Klavierakkorden einsetzt und der Bratsche den Part eines freisinnigen, überaus lebhaften Monologs überlässt. Die Gesamtstimmung der Sonate ist düster. Aber nach der intensiv durchmessenen Trauer, dem musikalisch präzisen Ausdruck von Schmerz und Angst brechen sich erlösende Momente Bahn, die Kim Kashkashian in diskreter Manier zur Geltung bringt.