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01.09.2016

Pianistischer Geheimtipp – Großedition von Julius Katchen

In diesem Jahr hätte er seinen 90. Geburtstag gefeiert. Jetzt erinnert Decca mit einer limitierten Edition an einen der begnadetsten "Poeten am Klavier" (Le Figaro): Julius Katchen.

Julius Katchen, Pianistischer Geheimtipp – Großedition von Julius Katchen © Decca Julius Katchen

Was hätte er noch alles erreichen können. Aber Julius Katchen war nur ein kurzes Leben beschieden. Als er im Jahre 1969 an den Folgen einer Krebserkrankung starb, war er erst 42 Jahre alt.

Pianistisches Wunderkind: Julius Katchen (1926–1969)

Begonnen hatte alles wie im Traum. Julius erlernt schon früh das Klavierspiel und debütiert im Alter von 11 Jahren unter der Leitung von Eugene Ormandy mit einem Mozart-Konzert in Philadelphia. Alles sieht nach einer Wunderkind-Karriere aus. Doch die Eltern greifen ein. Sie fürchten, dass der Junge sich zu einseitig orientiert, und legen ihm eine umfassendere Bildung nahe. Julius brennt für das Klavier, aber er sieht ein, dass es nicht nur eine Sache im Leben gibt. 

Nachdem er an den Konservatorien in Warschau und Moskau bei seinen Großeltern Klavier studiert hat und bei dem Godowsky-Schüler David Saperton sein Spiel immer weiter verfeinert, nimmt er an den Universitäten von Haverford und an der Sorbonne ein Studium der französischen Sprache und Philosophie auf. Der junge Mann strotzt vor Energie. Er will das Leben kennenlernen, erkundet Paris und spielt natürlich auch weiterhin: Klavier.

Unübertroffene Aufnahmen: Die Jahre bei Decca

Aber inzwischen ist Lebenserfahrung dazugekommen, und die fließt in sein Spiel, das immer reifer, technisch versierter und poetischer wird, mit ein. Ein erlesenes Publikum kann sich davon bereits überzeugen, denn Katchen hält sich in Paris nurmehr selten an der Sorbonne auf. Er geht lieber ins Konservatorium, setzt sich an den Flügel und begeistert eine kleine Schar von Zuhörern. Die Entscheidung für das Klavier wird unausweichlich, und im Jahre 1946 beginnt der junge Amerikaner mit russisch-jüdischen Wurzeln endgültig seine Karriere als Pianist.

Im selben Jahr unterzeichnet er auch seinen Vertrag bei Decca. Jahrzehnte gefeierten Konzertierens und unermüdlicher Studioarbeit folgen. Katchen ist jetzt in seinem Element. Er legt eine Meisteraufnahme nach der nächsten vor und pflegt dabei ein breites Repertoire: Mozart, Beethoven, Schumann, Chopin, Liszt, Tschaikowsky, Rachmaninow, Prokofjew, Mendelssohn, Franck, Mussorgski, Bartók, Balakirew, Grieg und vor allem: Brahms. Mit Brahms, dessen gesamtes Soloklavierwerk er aufnimmt, wird er berühmt.

Edle Edition: Portrait eines großen Künstlers

Niemand spielt den Hamburger Romantiker so transparent und so elegant wie Katchen. Aber der amerikanische Pianist ist weit mehr als ein Brahms-Spezialist. Wie die jetzt bei Decca erschienene Großedition zeigt, zieht sich die poetische Eleganz, mit der er Brahms veredelt, durch sein ganzes Werk. "Julius Katchen – The Complete Decca Recordings" umfasst 36 CDs und enthält sämtliche Aufnahmen, die der Pianist für Decca getätigt hat.

Darunter Welterstveröffentlichungen wie die Klarinettensonaten von Johannes Brahms mit Thea King und "Prélude, Choral et Fugue" von César Franck. Als weitere Raritäten stechen drei Alben mit Werken von Chopin, Saint-Saëns, Mozart, Beethoven und Brahms hervor, die erstmals auf CD erscheinen. Ein technisches Faszinosum der Ausgabe ist, dass einige CDs im Rückgriff auf 78s-LPs remastered worden sind, manche sogar unter Verwendung der allerfrühesten LP-Formate bei Decca (10", 12").

Den Löwenteil der Ausgabe bilden Klavierwerke von Beethoven und Brahms, die Katchen mit seiner kristallklaren Spielkultur und seiner lebhaften Persönlichkeit tief durchdringt. Aber wer das hört, möchte auch die anderen Sachen kennenlernen, denn Katchens Stil ist von soghafter Wirkung. So muss auch seine Persönlichkeit gewesen sein, wie das edle Booklet mit seltenen Fotografien des Künstlers und das unterhaltsame, auch ins Deutsche übertragene Essay von Cyrus Meher-Homji eindrucksvoll dokumentiert.