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18.05.2016
Rolf Lislevand

Stimmungskontraste – Rolf Lislevand spielt barockes Gitarrenrepertoire

Er ist ein Meister der Improvisation. Jetzt gibt der norwegische Lautenist und Gitarrist Rolf Lislevand sein Solodebut bei ECM: erstaunlich modern anmutende Gitarrenklänge aus dem Barockzeitalter.

Rolf Lislevand, Stimmungskontraste – Rolf Lislevand spielt barockes Gitarrenrepertoire © Caterina di Perri/ECM Records Rolf Lislevand

Wer in den 1980er Jahren klassische Gitarrenkonzerte besuchte, fand sich in der Regel in einem kleinen Kreis von Liebhabern wieder. Dabei traf er auf Leute, die einen sehr erlesenen Geschmack hatten oder selber Gitarre spielten. Die Szene war überschaubar. Man kannte sich.

Historisch informierte Avantgarde: Rolf Lislevand

In Spanien standen die Zeichen anders. Dort war die Gitarre seit jeher Kult und hat diesen Status auch nie wirklich eingebüßt. Dagegen musste sie sich ihren Ruf als ausdrucksstarkes Soloinstrument in anderen Gefilden Europas erst wieder erkämpfen, und dass sie im heutigen Klassikbetrieb ihren festen Platz hat, ist auch das Verdienst von Pionieren wie Rolf Lislevand. Der 1961 in Oslo geborene Gitarrist pflegt ein frisches, variantenreiches und poetisch feinfühliges Spiel.

Ein leidenschaftlicher Verfechter historisch informierter Interpretationskunst, gelingt es ihm, die paradoxe Modernität Alter Musik zu demonstrieren. So hat er immer wieder unter Beweis gestellt, wie visionär und facettenreich die spanische Gitarrenmusik der Renaissance und des ausgehenden Mittelalters war. Dabei greift Lislevand, der seit 1993 Laute und historische Aufführungspraxis an der staatlichen Hochschule für Musik Trossingen unterrichtet, auf verschiedene Instrumente der Lauten- und Gitarrentradition zurück.

Ressourcen der Klangschönheit: Barockgitarre und Theorbe

Auf seinem neuen Album ist er auf der hell klingenden Barockgitarre und der dunkel tönenden Theorbe zu hören, einem Lauteninstrument, dem er sich bereits in seinem Studium ausgiebig widmete. Dass er schon lange mit seinen Instrumenten vertraut ist, merkt man seinem Spiel an. Lislevands Klänge haben nichts Künstliches, nichts Akademisches an sich, sondern fließen natürlich dahin. Der Norweger liebt das kühle, entspannte Spiel, das ganz auf die Kraft der Klangschönheit vertraut.

Für sein Solodebüt bei ECM hat er sich zwei Komponisten erwählt, die am Hof Ludwigs des XIV. wirkten: Robert de Visée (ca. 1655–1732) und Francesco Corbetta (ca. 1615–1681). Das Album beginnt still und melancholisch mit Visées Prélude in d-Moll. Lislevand zupft es mit glasklaren Tönen und versetzt den Hörer in eine nachdenkliche Stimmung. Weitere ruhige Stücke von Visée folgen, bevor Lislevand mit einem eigenen Intro zu Corbettas Passacaille in g-Moll eine hochgespannte Stimmung erzeugt.   

Elektrisierend modern: Schöpferische Interpretationen

Die Einführung klingt elektrisierend modern. Sie erinnert an akustische Gitarrenimprovisationen und akkorddominierte Intros, wie man sie von Led Zeppelin oder anderen Rockgruppen der 60er und 70er Jahre kennt. Klassischer mutet hingegen Visées "La Mascarade" an, das dem Album seinen Titel gab und durch seine melodische Schönheit in Bann zieht. Corbettas Sarabande in B-Dur wiederum erinnert unwillkürlich an das Hofleben des 17. Jahrhunderts.

Das tänzerische Moment und die choreographische Strenge der damaligen Lebenskultur kommen darin ausgezeichnet zur Geltung. "Rolf Lislevand – La Mascarade" ist ein Album, das eine immense Spielfreude versprüht. Der norwegische Meistergitarrist lässt nie nach in seinem Bemühen, den harmonischen Klangreichtum seiner Instrumente auszuschöpfen. Zugleich entdeckt er in der Alten Musik einen verborgenen Swing, den er diskret in sein Spiel einflicht.