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04.11.2015
Vladimir Horowitz

Sensationsfund – Fulminanter Chicago-Auftritt von Horowitz erschienen

Er war ein Jahrhundertpianist. Jetzt veröffentlicht Deutsche Grammophon einen grandiosen Live-Mitschnitt von Vladimir Horowitz. Sein letzter Auftritt in Chicago schlummerte Jahrelang in den Archiven eines Radiosenders.

Vladimir Horowitz, Sensationsfund – Fulminanter Chicago-Auftritt von Horowitz erschienen © Christian Steiner/DG Vladimir Horowitz

Sein Spiel war von außerordentlicher Vitalität. Bisweilen war es so leidenschaftlich, dass einem angst und bange um sein Instrument wurde. Bei Vladimir Horowitz bebte der Flügel wirklich.

Der letzte Romantiker: Vladimir Horowitz

Er war das, was man ohne Übertreibung einen Grenzsprenger nennen darf. Er konnte und wollte nicht innerhalb eines fein säuberlich geordneten Geheges musizieren. Seine Gefilde waren von wilder Schönheit. Er war ein Vulkan. In ihm rumorte es heftig, und das trieb ihn zu ebenso kräftigen Ausbrüchen wie zu äußerst weicher Poesie. Seine Ekstasen waren berüchtigt, aber genauso imponierend war seine überaus zarte Spielweise, die auf dem Hintergrund des sprühenden Vulkans eine besondere Wirkung entfaltete.   

Ein Mann der Kontraste: heftig aus sich herausrausfahrend und sehr weich, ein explosiver Poet, der Begeisterung genauso stark empfinden konnte, wie er intensiv am Leben litt. Eine hochaufgerichtete Gestalt. Und doch zutiefst gefährdet. Kurz: ein wahrer Romantiker, der an Größen wie Schubert und Schumann, Chopin und Liszt, Scriabin und Rachmaninov Maß nahm. Das war Vladimir Horowitz, der in einem grandiosen Filmportrait von Albert Maysles treffend als letzter Romantiker charakterisiert wurde.

Poetische Einkehr: Späte Früchte

Der Dokumentarfilm "Horowitz – Der letzte Romantiker" (1985) begleitet den Grandseigneur der leidenschaftlichen Klavierkunst auf einer seiner späten musikalischen Reisen. Der 1903 in der Ukraine geborene, als junger Mann einige Jahre in Paris lebende und 1939 schließlich in die USA ausgewanderte Pianist war auf seine alten Tage noch einmal zu Hochform aufgelaufen. Seelische Krisen gewohnt, die ihn oft Jahrelang vom Konzertbetrieb fernhielten, war er immer wieder triumphal zurückgekehrt.
Doch was er in seinen letzten Lebensjahren hinlegte, war eine Nummer für sich. Der späte Horowitz musizierte auf einem anderen Stern. Immer noch kraftvoll und dämonisch, streifte er doch jegliche überflüssige Geste ab und drang tief in den poetischen Kosmos der romantischen Klavierkunst ein. Man hatte das Gefühl: Er spielt jetzt, wie er spielen will. Keinerlei Eitelkeiten mehr, niemals Virtuosität um der Virtuosität willen, sondern reine Kunst. Sein letzter Auftritt in Chicago, der jetzt erstmals auf CD erscheint, stammt aus jenen Jahren.

Mit Interviews: Edle Edition eines Helden

"Horowitz – Return to Chicago" ist ein fulminantes Doppelalbum, das den exzentrischen Pianisten auf dem Zenit seiner Kunst zeigt. Horowitz gelangt hier zu einer Balance seiner Extreme, die ergreifend ist. Der Anfang des Konzerts, das am 26. Oktober 1986 in der Orchestra Hall von Chicago stattfand, ist geprägt von spielerischer Leichtigkeit. Mit Sonaten von Scarlatti und Mozart demonstriert Horowitz, dass er bei aller künstlerischen Reife die Verbindung zu dem schöpferischen Kind in sich noch nicht verloren hat. Dieser perlende Ton zieht den Hörer sanft ins Konzertgeschehen hinein. Man ist freudvoll gestimmt und hat Lust auf mehr.

Geschickt steigert Horowitz die Intensitäten. Nach Scarlatti und Mozart folgt Scriabins elegisches Étude in c-Moll und dann dessen berühmtes, wild-romantisches Étude in d-Moll, das Horowitz wie kein Zweiter zu spielen wusste: mit unbändiger Kraft und zugleich überaus zart. Diese Kunst der Kontraste bewährt sich dann auch im Folgenden, wenn Vladimir Horowitz mit Schumann, Liszt, Chopin und Moszkowski immer tiefer in die sehnsüchtigen und träumerischen Sphären des romantischen Gefühlsausdrucks eindringt. Das ist atemberaubend, einfach beglückend, und man ist dankbar, dass der Musikproduzent Jon M. Samuels diesen Live-Mitschnitt entdeckt hat.

Die Bänder befanden sich in den Archiven des Chicagoer Klassiksenders WFMT. Dort machte Samuels im Oktober 2013 den Glücksfund. Das Konzert ist nur ein einziges Mal im Radio gesendet worden und schlummerte dann Jahrelang im Archiv. Jetzt ist es wieder verfügbar, und man kann es auf diesem sensationellen Doppelalbum zusammen mit zwei ebenso tiefsinnigen wie unterhaltsamen Horowitz-Interviews, die WFMT während der Konzertpausen ausstrahlte, in seiner überwältigenden Intensität genießen.