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01.10.2015

Liaisons – Große Klavierwerke mit Songmaterial von Stephen Sondheim

Es ist eines der ambitioniertesten ECM-Projekte. Pianist Anthony de Mare lud 36 Komponisten ein, mit Liedmaterial von Stephen Sondheim eigene Klavierwerke zu schaffen. Jetzt erscheint das heiß ersehnte Album.

Anthony De Mare, Liaisons – Große Klavierwerke mit Songmaterial von Stephen Sondheim © Paolo Soriani / ECM Records Anthony de Mare

Jeder kennt das. Es gibt Lieder, die prägen einen fürs Leben. Schon wenn man sie das erste Mal hört, ist man berührt. Man weiß nicht, warum, und man kann nichts dagegen tun.

Kongenial: Anthony de Mare trifft Stephen Sondheim

So ging es auch dem großen Avantgarde-Pianisten Anthony de Mare, als er auf die Songs von Stephen Sondheim traf. Die Lieder des renommierten Broadway-Komponisten brachten eine Saite in ihm zum Schwingen. Sie ergriffen ihn unmittelbar. Der Eindruck war prägend für sein Leben. Er verschwand nie wieder aus dem musikalischen Horizont des Pianisten. Dabei waren es nicht allein die berückend schönen Melodien, die es ihm angetan hatten.

De Mare zeigte sich auch beeindruckt von der raffinierten, klug durchdachten Rhythmik und Harmonik Stephen Sondheims. Das Musicalgenie hatte etwas geschaffen, was nur wenigen Komponisten vorbehalten ist. Er hatte einfache, durchaus eingängige Melodien mit einer komplexen Struktur verknüpft, und dadurch bekamen die Lieder eine poetische Kraft, die weit über den Broadway hinausreichte und zu Weiterschöpfungen anregte. So sah es jedenfalls Anthony de Mare, für den Sondheims Kunst einer Goldgrube glich.

Breites Spektrum: "Liaisons: Re-Imagining Sondheim from the Piano"

Diesen Schatz konnte man nicht liegen lassen. Er musste geborgen werden. Damit musste gearbeitet werden, ähnlich wie Franz Liszt mit Volksliedmaterial gearbeitet hatte. Mehr als zwei Jahrzehnte trug de Mare sich mit dem Gedanken, dass aus den Liedern Sondheims etwas Großes geschaffen werden müsse. Bis er vor einigen Jahren Nägeln mit Köpfen machte. Er lud 36 Komponisten ein, mit Liedmaterial von Stephen Sondheim eigene Werke für Klavier solo zu schaffen – Werke, die er, Anthony de Mare, dann auf dem Klavier interpretieren würde.

Jetzt liegt das Ergebnis vor, und man kann nur sagen: Es ist überwältigend. Das Album liefert den schlagenden Beweis für die Richtigkeit von de Mares Intuition: Sondheims Liedkunst ist eine wahrhaft sprudelnde Quelle, aus der sich viel Neues gewinnen lässt: Jazziges genauso wie Popartiges, eine strenge Fuge genauso wie elegische Klänge, rhythmisch Pulsierendes genauso wie langsam Fließendes. Das musikalische Spektrum des Albums ist breit, und das spiegelt sich naturgemäß auch in dem Umfang dieser großartigen Veröffentlichung.

Unüberhörbar: Sondheims moderne Liedkunst

"Liaisons: Re-Imagining Sondheim from the Piano" umfasst drei CDs mit insgesamt 37 Stücken. Dazu kommt ein sorgsam ausgearbeitetes Booklet, das eindrucksvoll die Faszination des Projekts bezeugt. Auf berührende Geleitworte de Mares und Sondheims folgt ein umfänglicher Essay von Mark Eden Horowitz, der einen ausgezeichneten Einblick in das Gesamtschaffen des amerikanischen Musicalgenies gewährt und den theatralen Zusammenhang der Lieder erläutert. Dazwischen sieht man Fotos der Künstler und Faksimiles einiger Neukompositionen.

Die Vorfreude auf das Hörgeschehen wird so herrlich genährt. Was man dann zu hören bekommt, sprengt alle Erwartungen. Jedes Stück ist eine Perle für sich. Doch so unterschiedlich sie auch klingen, sie hängen alle an einem Faden: an Sondheims hinreißender, ebenso modern und städtisch wie glamourös anmutender Liedkunst. Das gilt selbst noch für Arbeiten, die sich relativ weit vom Original wegbewegen, wie Steve Reichs rhythmusbetontes "Finishing the Hat – 2 Pianos" oder William Bolcoms streng geordnetes und doch barmusikartig fließendes "A Little Night Fughetta".

Wie ein typischer Ragtime klingt "That old Piano Roll" von Jazztrompeter Wynton Marsalis, und "Now" von der amerikanischen Komponistin Mary Ellen Childs changiert meisterhaft zwischen zauberischer Poesie und tänzerischem Rhythmus. Das alles wäre jedoch nur halb so schön, wenn es nicht so grandios interpretiert wäre, und dafür bürgt Pianist Anthony de Mare, der am Ende des Albums noch ein eigenes, impressionistisches Arrangement zum Besten gibt: "Sunday in the Park – Passages".