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Artikel

16.09.2015
Jessye Norman

Jahrhundertbegabung – Jessye Norman feiert ihren 70. Geburtstag

Sie gehört zu den markantesten Sopranistinnen der Gegenwart. Am 15. September ist sie 70 Jahre alt geworden. Grund genug, auf ihr Lebenswerk zurückzuschauen und jüngere Veröffentlichungen in den Blick zu nehmen. 

Jessye Norman, Jahrhundertbegabung – Jessye Norman feiert ihren 70. Geburtstag © Carol Friedman Jessye Norman

Eine wie sie gibt es nicht alle Tage. Sie ist das, was man ohne jede Übertreibung eine Jahrhundertbegabung nennen darf.

Glamouröse Erscheinung

Ihre voluminöse Stimme war die Mitgift. Sie wurde ihr von der Natur verliehen. Aber was Jessye Norman daraus machte, war allein ihr Verdienst und das Verdienst ihrer Lehrer, die sie sorgsam lenkten. Jessye Norman hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie hart arbeiten musste. Obwohl immer schon eine glamouröse Erscheinung, die schnell für sich einnimmt, inszenierte sie sich doch nie als Genie, das vom Himmel gefallen war.

Sie wusste bereits früh, dass eine natürliche Begabung gepflegt sein will, dass sie Kontur benötigt, eine Richtung. Deshalb hat sie nie nachgelassen, ihre Stimme zu formen und ihr neue Nuancen abzugewinnen. Dass der hohe Anspruch bisweilen extrem war, weiß sie. Aber sie betont bis heute, dass es nicht anders ging und dass jeder, der mit ihr arbeitete, wusste, worauf er sich einließ: auf unerbittlichen Perfektionismus und auf die totale Verausgabung für die Musik.

Spontane Entschlossenheit

Für Jessye Norman gab es keine halben Sachen. Sie hat stets alles gegeben. Jeder Auftritt war ihr wichtig, wie sie in einem berührenden Filminterview mit André Heller hervorhebt. Wenn sie etwa in Philadelphia auftrat, dann dachte sie nicht daran, dass sie am nächsten Tag in New York singen würde. Auf das Hier und Jetzt kam es ihr an, auf den konkreten Augenblick, in dem sich ihre hohe Gesangskunst zu verwirklichen und vor dem Publikum zu bewähren hatte.

Wie spontan die 1945 in Augusta im US-Bundesstaat Georgia geborene Tochter einer Lehrerin und eines Versicherungsagenten ist, zeigt auch ihr erstes langfristiges Engagement. Als sie im Jahre 1969 in der Rolle der Elisabeth in Wagners Tannhäuser an der Deutsche Oper Berlin debütiert, fragt man sie in der zweiten Pause, ob sie die nächsten vier Jahre hier singen möchte. Jessye Norman zögert keinen Augenblick und sagt sofort zu.   

Überwältigender Ausdruck

Dabei sind ihre Direktheit und Momentbezogenheit auch hervorstechende Merkmale ihrer musikalischen Ausdruckskraft. Jessye Norman versteckt nichts. Sie ist grundehrlich, und diese Tugenden prädestinieren sie hervorragend für romantische Lieder, die den unmittelbaren Gefühlsausdruck riskieren und auf Interpreten angewiesen sind, die sich mit vollem Risiko dem Sog heftiger Regungen hingeben. Jessye Norman kann dies. Sie hat dies immer wieder getan, und das überwältigende Resultat zeigt sich nicht zuletzt an drei Veröffentlichungen, die in den letzten Jahrzehnten erschienen sind.

Darunter kann als absolutes Highlight gelten ihr Album "Richard Strauss: Vier letzte Lieder". Jessye Norman hat wie niemand sonst die zarten, langen Klanglinien von Richard Strauss verinnerlicht, und das beweist sie hier eindrucksvoll. In seiner poetischen Intimität überwältigend ist das Album "Johannes Brahms: Lieder", das Jessye Norman mit Daniel Barenboim am Klavier aufgenommen hat, und ihre immense dramatische Ausdruckskraft zeigt sich schließlich in der Gesamteinspielung von "Purcell: Dido und Aeneas": Jessye Norman in der Rolle der leidenden Dido. Das ist ergreifend. Das geht direkt zu Herzen.