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10.06.2015

Geniestreich – John Potter vereint Kunstlied und Popsong

Mit dem Hilliard Ensemble wurde er weltberühmt. In seinem neuen ECM-Album interpretiert Tenor John Potter nun Songs, die er bei Popgrößen wie John Paul Jones (Led Zeppelin) und Genesis-Keyboarder Tony Banks in Auftrag gegeben hat.

John Potter, Geniestreich – John Potter vereint Kunstlied und Popsong © CF Wesenberg / ECM Records Jacob Heringman, Anna Maria Friman, John Potter, Ariel Abramovich

Man kann vieles in der Musik ausprobieren. Aber interessant wird es erst, wenn dem Experiment eine Idee zu Grunde liegt, und dahinter steckt oft eine Persönlichkeit, die sich etwas Kluges ausgedacht hat.

Neuland

So wie John Potter. Der große Tenor betritt mit seinem Album "Amores Pasados" Neuland. Doch wenn Potter etwas anfängt, dann hat es Hand und Fuß. Seine Projekte sind durchdacht. Sie gründen in einer langen künstlerischen Erfahrung. Potter, der 17 Jahre lang Mitglied des Hilliard Ensembles war, weiß um die Möglichkeiten der menschlichen Stimme und der Liedinterpretation. Er gehört zu den Sängerpersönlichkeiten, die Verstand und Gefühl miteinander versöhnen. Technisches Können, unbedingte Präzision und Gefühlsausdruck gehören bei ihm zusammen. Das macht die Größe seiner Kunst aus, und mit dieser Haltung widmete er sich auch dem Projekt, das er in seinem neuen Album realisiert hat. Am Anfang dachte Potter über den Gegensatz zwischen Kunst- und Poplied nach. Er fragte sich, ob dieser Graben überwindbar sei, und unternahm ein Experiment, um es herauszufinden.

Geniestreich

Zu diesem Zweck fragte er John Paul Jones (Led Zeppelin), Genesis-Keyboarder Tony Banks und Sting, ob sie nicht Lust hätten, Lieder für ihn zu komponieren. Die Herren ließen sich nicht lange bitten. John Paul Jones vertonte spanische Gedichte. Tony Banks konzentrierte sich auf Lyrik aus dem 17. Jahrhundert, und Sting steuerte mit "Bury me deep in the Greenwood" einen Song aus seiner eigenen Feder bei. John Potter gründete ein Ensemble.

Gemeinsam mit Anna Maria Friman (Gesang und Hardangerfiedel) und den beiden Lautenisten Ariel Abramovich und Jacob Heringman interpretierte er die Songs. Das Resultat: Ein berückend zartes Album mit wundervollen Liedern. Anna Maria Friman und John Potter singen in gewohnt prononcierter Manier. Sie setzen sich keine Rock-Masken auf. Der Gegensatz zwischen Kunst- und Poplied wird nicht brachial aufgesprengt. Der Ton bleibt gediegen. Und doch verfließen die Grenzen zwischen Pop und Klassik.

Ehrliche Poesie

Wesentlichen Anteil daran haben die Lautenklänge. Wenn man sie auf dem Album hört, assoziiert man sowohl Renaissance-Repertoire als auch Rockballaden. Das geschieht zwanglos. John Potter möchte nichts beweisen. Er überlässt das musikalische Ereignis sich selbst, und so strahlen die Lieder eine Natürlichkeit und Ehrlichkeit aus, die atemberaubend ist. Die spanischen Songs von John Paul Jones entfalten eine melancholische Stimmung, die mit diskretem Swing geschickt kontrastiert wird.

Erstaunlich klassisch klingen die Songs von Tony Banks, denen man ihre Herkunft aus der Feder eines Popkünstlers kaum anhört. Stings Beitrag besitzt alle Züge eines erdigen Volklieds. Der Song berührt durch seine ebenso schöne wie schlichte Melodie. Die Lieder von E. J. Moeran und Peter Warlock, zwei Komponisten des 20. Jahrhunderts, und ein Stück des Renaissance-Komponisten Picforth runden das Programm kongenial ab.