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24.03.2015

Ewiges Licht – Wolfgangs Rihms Requiem Et Lux

Er gehört zu den größten Komponisten der Gegenwart. Jetzt veröffentlicht ECM New Series in einer Ersteinspielung Rihms Requiem "Et Lux". Das noble Werk verwebt Erinnerungsfäden des Künstlers an seine Jugend als Chorist.

Wolfgang Rihm, Ewiges Licht – Wolfgangs Rihms Requiem Et Lux © Eric Marinitsch / Universal Edition Wolfgang Rihm

Wolfgang Rihm ist ein Phänomen: Wann immer man den charismatischen Künstler in Filminterviews oder auf der Bühne sieht, strahlt er ungebrochene Freude aus. Für einen Komponisten, der die dunklen Denker der Moderne schätzt, ist dies eher untypisch. Rihm hat mit großer Leidenschaft Nietzsche, Artaud und Heiner Müller gelesen. Er ist in ästhetische Gegenwelten eingetaucht, die der westlichen Zivilisation den Totenschein ausgestellt haben, und in manchen seiner Werke spürt man das Beben der Zeit, den Umbruch, der nur schwer in Worte zu fassen ist und sich in Musik wahrscheinlich am besten ausdrücken lässt.

Bodenständige Haltung

Bei Rihm dominiert im Gegensatz zu seinen literarischen Helden das befreiende Gefühl der Loslösung. Wenn es bei ihm zu rumoren beginnt, dann mit unbändiger Freude an den Klangwelten, die dabei zum Durchbruch kommen. Rihm war nie ein Außenseiter. Er fühlte sich stets integriert. Bereits im Alter von 11 Jahren begann er zu komponieren. Noch während seiner Gymnasiallaufbahn nahm er an der Hochschule für Musik in Karlsruhe ein Kompositionsstudium auf. Doch selbst als er im Jahre 1972 parallel zum Abitur das Staatsexamen in Komposition und Musiktheorie ablegte, hob er nicht ab. Rihm blieb, wie er in einem Filminterview bekennt, ein ganz normaler Gymnasiast, und seine Weggefährten bestätigen einmütig, dass ihm jeglicher Snobismus fremd war. Eher zeigte er sich dankbar, dass er musikalisch begabt war. In seiner Familie gab es keine Komponisten. Wolfgang war der Pionier, und er mag sich manchmal gefragt haben, woher diese gewaltige Inspiration kam.  

Ferner Nachklang

Bilder und Literatur waren zwei seiner Hauptquellen. Rihm begeisterte sich früh schon für bildende Kunst und las  leidenschaftlich gern. Aber es gab noch eine weitere, näherliegende Quelle, die für seinen Weg in die Musik prägend war und in seinem geistlich gefärbten Meisterwerk "Et Lux" (2009) im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Der junge Rihm sang in Chören, und die liturgischen Texte wehen ihm bis heute nach. Es ist dieser ferne Nachklang, den er in seine Komposition für Vokalensemble und Streichquartett einflechten wollte. Dabei bestand sein Verfahren nicht darin, sich zuerst den Sinn der römischen Requiem-Liturgie zu erschließen, um ihm dann eine musikalische Gestalt zu verleihen. Vielmehr begann er zu komponieren und ließ währenddessen Textfragmente der Liturgie in sein Werk einfließen. Dass es ihm mit dieser beiläufigen Einflechtung des Textmaterials besonders eindringlich gelang, den tröstlichen Sinn des Requiems zu vergegenwärtigen, ist das eigentliche Wunder von "Et Lux".    

Das ewige Licht

"Et lux perpetua luceat eis" bedeutet: "und das ewige Licht leuchte ihnen", und diese Bitte stellt sich bei Rihm als äußerst verletzlich dar. Rihm entfaltet zunächst eine gravitätische, dunkle Atmosphäre, die von Ferne an die großen Requien von Mozart, Brahms oder Fauré erinnert, und auf diesem Hintergrund lässt er dann zarte Lichter der Zuversicht aufscheinen. Der belgische Dirigent Paul Van Nevel dringt mit seinem Huelgas Ensemble und dem Minguet Quartett mutig in die düsteren Tiefen dieser Musik ein, und umso deutlicher kommen dann auch die zarten Lichter des Requiems zum Vorschein. Dass Paul Van Nevel sich für eine Doppelbesetzung der Sängerposten entschied, fand die ausdrückliche Zustimmung Wolfgang Rihms, der große Achtung vor dem Schaffen des belgischen Dirigenten hat. Die Doppelbesetzung verstärkt die expressive Kraft des Requiems. Es erfährt dadurch eine noch stärkere Intensität.

Das lang schon ersehnte ECM-Album mit Rihms Requiem wurde im Februar 2014 in Antwerpen aufgenommen. Über musikalische Details informiert das ausgezeichnete CD-Booklet. Es enthält neben einer Werknotiz des Komponisten kundige Essays von Paul Griffiths und Wolfgang Schreiber.