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24.03.2015

Revolutionär – Hogwoods Interpretation des Messias

Er stattete Händels Messias mit Flügeln aus. Jetzt veröffentlicht Decca in einer limitierten Deluxe-Edition Christopher Hogwoods beschwingte Aufnahme aus dem Jahre 1980 – original Händel, mit alten Instrumenten verjüngt.

Christopher Hogwood, Revolutionär – Hogwoods Interpretation des Messias © Decca Christopher Hogwood

Das hatte keiner vorausgeahnt. Dem "Karajan der Alten Musik" (The Guardian) war gewiss einiges zuzutrauen, aber dass er Händels Messias in ein völlig neues Licht rücken würde, wäre wohl selbst seinen größten Verehrern nicht in den Sinn gekommen. Wie oft war das Werk schon aufgenommen worden! Wie viele Facetten kannte man bereits! Warum sollte ausgerechnet eine historische Einspielung mit alten Instrumenten die Wende bringen?

Musikalische Außenseiter

Die Vorreiter der historischen Aufführungspraxis standen immer ein bisschen am Rand. Ihre überragende Bildung, ihr hoher künstlerischer Anspruch und ihre musikalischen Fähigkeiten waren zwar unbestritten. Das hieß aber nicht, dass man sich auf sie einließ. Das Gros des Klassikbetriebes fragte sich vielmehr: Wozu die alten Instrumente benutzen, wenn es reifere Ausführungen gab? Warum auf die barocke Musizierkultur zurückgehen, wenn die Ohren inzwischen anderes gewohnt waren? Man verstand die wilde Leidenschaft nicht, mit der einige Musiker und Dirigenten auf den historischen Quellen beharrten. Doch solange sie in ihren Gefilden jagten, ließ man sie gewähren. Man schätzte auch das ein oder andere Exponat, das sie vorgelegt hatten, aber beirren ließ man sich dadurch nicht. Das änderte sich wahrscheinlich erst mit Hogwoods Messias.

Kopernikanische Wende

Was war passiert? Christopher Hogwood, der nicht nur ein begnadeter Dirigent und virtuoser Cembalist war, sondern auch ein historisch bewanderter Musikwissenschaftler, hatte eine von Händel selbst dirigierte Messias-Aufführung aus dem Jahre 1754 rekonstruiert. Er probte diese Fassung mit der Academy of Ancient Music, dem Kammerorchester, das er selbst im Jahre 1973 gegründet hatte, und nahm sie schließlich auf: mit alten Instrumenten und im Stil exakt so, wie er es sich vorgestellt hatte und für barocken Geist hielt. Das Ergebnis war außerordentlich. In dieser Intensität hatte man den Messias noch nicht gehört. Die schlanke Eleganz, der kristallklare Klang, dazu die forcierte Dynamik, die den hinreißenden Schwung von Händels Musik spürbar werden ließ – das war neu, das war überwältigend, und dem konnte man sich nicht entziehen.

Sturm der Begeisterung

Sowohl die Fachwelt als auch das breite Publikum waren begeistert. Der US-amerikanische Musikkritiker John Rockwell feierte die Aufnahme als Jahrhundertereignis. Er lobte die Transparenz des Chorgesangs und den Schwung des Ensembles. "Dieser Messias", so Rockwell, "wird Barock-Puristen genauso begeistern wie verunsicherte Traditionalisten." Seine Prognose traf ein! Der "Hogwood-Messias", wie man ihn fortan nannte, war in aller Munde. Die Academy of Ancient Music, der Chor der Christ Church Cathedral (Oxford) und allen voran Sopranistin Emma Kirkby fuhren gemeinsam mit ihrem Dirigenten die Ernte ein, und Christopher Hogwood selbst stieg spätestens mit dieser Aufnahme in den Olymp der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts auf.

Würdige Edition

Dass eine so bahnbrechende Aufnahme einen besonderen Rahmen verdient, versteht sich von selbst, und deshalb ist es nur gut, dass Decca den "Hogwood-Messias" jetzt in einer limitierten Deluxe-Edition neu auflegt. Die Hardcover-Ausgabe erscheint als CD-Doppelalbum, inklusive einer Blu-ray Audio Disc, die einen optimalen Klang ermöglicht (24-bit / 96kHz). Das beigefügte Booklet informiert ausführlich über die Aufnahme und enthält den kompletten Text des Messias (auf Englisch und auf Deutsch). Summa summarum: Eine sehr schöne, mit Bedacht konzipierte Ausgabe, ganz im Sinne Christopher Hogwoods, der auf Sorgfalt so großen Wert legte. Ein halbes Jahr nach dem Tod des großen Briten, der eine schmerzhafte Lücke in die Klassikwelt riss, ist dies eine ergreifende Würdigung.