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18.02.2015

Argentinischer Folk – Pablo Márquez spielt Gustavo Leguizamón

Man kennt ihn als detailverliebten Meistergitarristen. In seinem neuen ECM-Album widmet sich Pablo Márquez nun mit außergewöhnlichem Pathos einem altbekannten Klassiker des argentinischen Folks: Gustavo Leguizamón.

Pablo Márquez, Argentinischer Folk – Pablo Márquez spielt Gustavo Leguizamón © Dániel Vass Pablo Márquez

Pablo Márquez ist nicht gerade der Mann, der es sich leicht macht. Er sucht die musikalische Herausforderung. Er geht bis an die Grenzen. Es ist, als erobere er nach und nach immer weitere Klanggebiete.

Klangliche Grenzgänge

Dazu wandert er gern auch weit zurück in die Geschichte, wie in seinem furiosen ECM-Erstling Musica del Delphin, auf dem er harmonisch fein austarierte Werke des spanischen Renaissance-Komponisten Luys de Narváez spielte und ihnen eine ebenso klar umgrenzte wie farbreiche Gestalt verlieh. Aber Márquez scheut auch nicht vor Neuer Musik zurück, sondern arbeitet eng mit zeitgenössischen Komponisten zusammen. Für Größen wie Luciano Berio oder György Kurtág war bzw. ist Pablo Márquez ein bevorzugter Interpret ihrer Werke, und wer sich vor Augen führt, wie schwierig die Aneignung hochkomplexer, völlig neuartiger musikalischer Gebilde ist, der ahnt, welch ein enormes Potential dieser Künstler haben muss.  

Unvergessene Begegnung

Mit seinem neuen Album kehrt Pablo Márquez nun an eine Quelle seiner Kindheit zurück. Die Lieder von Gustavo Leguizamón, genannt "El Cuchi", hat er schon als kleiner Junge gesungen, und der Zufall wollte es, dass er im Alter von 13 Jahren am Colegio Nacional seiner Heimatstadt Salta Geschichtsunterricht bei dem großen Komponisten hatte. Gustavo Leguizamón war ein universal gebildeter Lehrer, Poet und Musiker. Aber dass dieser Mann all die Zambas, diese zauberhaften, leicht melancholisch angehauchten und tänzerischen Lieder geschrieben hatte, konnte Márquez erst gar nicht glauben. Er hielt es für unmöglich, dass ein "Mensch aus Fleisch und Blut" so schöne Melodien ersonnen hatte. Aber so war es. Diese Werke stammten allesamt von Gustavo Leguizamón, diesem "einzigartigen, witzigen, hyper-kultivierten" Mann, wie Pablo Márquez selbst ihn im Interview mit Thierry Rougier, das im Booklet des neuen Albums abgedruckt ist, charakterisiert.

Erneuerung der Tradition

Gustavo Leguizamón hatte etwas geschaffen, was nur wenigen Komponisten vorbehalten ist. Er hatte eine Brücke zwischen Tradition und Moderne gebaut. Als Autodidakt war er in die Klangwelten Debussys, Ravels, Strawinskis und Schönbergs eingetaucht. Der experimentelle Umgang mit Harmonien wurde ihm zum schöpferischen Quell seiner Kompositionskunst. Aber um keinen Preis hieß das für "El Cuchi", die Tradition zu verlassen. Was das einfache Volk sang, die Rhythmen, die es hervorbrachte, und die Harmonien, die es erfand – all das galt ihm als Seele der Musik, und mit dieser Haltung erneuerte er die traditionellen Formen der argentinischen Musikkultur. "Die große Revolution Cuchis war die harmonische Freiheit", so Pablo Márquez. Und deshalb ist die Rückkehr zu dem großen Volkskomponisten bei Márquez auch weit entfernt von Nostalgie. Sie ist eine musikalische Pflicht. Hier geht es um große Kunst. 

Musikalisches Denkmal

Pablo Márquez birgt den Schatz "El Cuchis" und setzt dem Volkskomponisten ein musikalisches Denkmal. Das Album "El Cuchi bien temperado" ist ein sprudelnder Quell lebhafter Rhythmen und zärtlicher Melodien. Ob in den zahlreichen Zambas, wie Zamba del carnaval oder Zamba soltera, oder den Chacareras und Vidalas, wie Corazonando oder Canción del que no hace nada – Pablo Márquez versteht es stets meisterhaft, eine gute Mischung aus tänzerischer Lockerheit und klassischer Strenge in sein Spiel zu legen. Dabei verleiht er den Stücken, die eigentlich Lieder sind, ohne jede Angestrengtheit eine gesangliche Note.

Pablo Márquez lässt die Gitarre selbst von Liebe, Glück, Schmerz und Arbeit singen. Man hört seinem Spiel die lebensnahe Poesie der Lieder an, auch wenn man die Texte nicht kennt. Genial ist, wie er intime, verträumte Passagen entspannt zu zupfen versteht und dann blitzartig mit perkussiven Elementen Grenzen setzt. Darin steckt Spannung. Darin steckt Leben. Die harmonische Vielfalt steigert er, indem er die Stücke in unterschiedlichen Tonarten spielt. Mit "El Cuchi bien temperado" hatte er bereits im Titel seines Albums auf Bachs Wohltemperiertes Klavier angespielt und die Messlatte bewusst hoch angesetzt. Mit seinem Spiel überspringt er sie.