Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

13.11.2014

Rosalyn Turecks bahnbrechende Bach-Interpretationen

Sie war das große Vorbild von Glenn Gould. Jetzt veröffentlicht Deutsche Grammophon Rosalyn Turecks wegweisende Aufnahmen des Wohltemperierten Klaviers und der Goldberg-Variationen in einer Edition

Rosalyn Tureck, Rosalyn Turecks bahnbrechende Bach-Interpretationen © Deutsche Grammophon Rosalyn Tureck

Sie bezeichnete sich selbst einmal als ein "unfreiwilliges Wunder". Begabung kann eine Last sein. Für Rosalyn Tureck war sie vor allem eine Mission, und die gipfelte darin, den Schatz des großen Johann Sebastian Bach zu bergen und ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Magische Beziehung

Die junge Tureck spielt auch gern romantische und zeitgenössische Literatur. Aber zu Bach hat sie eine besondere Verbindung. Er zieht sie magisch an. Sie lernt die hochkomplexen Werke des Altmeisters mit Leichtigkeit auswendig, und wenn sie irgendetwas noch nicht versteht, dann verzweifelt sie nicht daran, sondern fühlt sich stimuliert. Mit nur 22 Jahren debütierte die 1913 in Chicago geborene Tochter russischer Einwanderer in der Carnegie Hall. Der Auftritt mit Brahms Zweitem Klavierkonzert ist Teil einer Serie des Philadelphia Orchestra, an der neben Tureck nur die ganz Großen teilnehmen: Fritz Kreisler, Sergej Rachmaninov und Vladimir Horowitz.

Ein Jahr später überbietet sie diesen Coup noch, als sie in der Town Hall von New York eine eigene Serie mit sechs Programmen startet. Sie wird ausschließlich Bach spielen: die Partiten in c-Moll und e-Moll, die Englische Suite in g-Moll, die Variationen im italienischen Stil, die Goldberg-Variationen, das komplette Wohltemperierte Klavier und einige kleine Stücke. Die Reaktion ist überwältigend. Von diesem Moment an hat sie ein Publikum, das ihr über Jahrzehnte lang treu bleiben wird, ihr Spiel über alle Maßen bewundert und sich mit ihr gemeinsam immer wieder neu in Bachs Musik verliebt.

Quadratur des Kreises

Dazu muss man wissen, dass es in den 1930er Jahren geradezu undenkbar ist, ein ganzes Konzertprogramm ausschließlich mit Bach zu bestreiten. Der deutsche Komponist gilt, zumal in angloamerikanischen Gefilden, als zu trocken für den Konzertbetrieb. Rosalyn Tureck tritt den Gegenbeweis an. Sie führt dem Publikum die atemberaubende Modernität Bachs vor. Dabei macht sie nichts anderes, als jede einzelne Stimme seiner harmonischen Wunderwerke mit penibler Genauigkeit herauszuarbeiten und die Stimmführung ebenso diskret wie deutlich herausklingen zu lassen.

Ihr Spiel gleicht der Quadratur des Kreises. Sie kann es fließen lassen, ohne die Genauigkeit der Notenwerte zu verfehlen. Sie schmiegt sich dem historischen Kontext an, ist aber zugleich ungeheuer modern. Sie ist intellektuell beherrscht, aber auch spontan. Bei Rosalyn Tureck funktionieren Dinge gleichzeitig, die man im Kopf nicht zusammenkriegt, und so ist es kein Wunder, dass gerade sie den kontrapunktischen Zauberer aus Eisenach für den modernen Konzert- und Plattenbetrieb zu neuem Leben erweckte.

"Hohepriesterin Bachs"

Am 14. Dezember 2014 wäre sie 100 Jahre alt geworden, und es stellt eine phantastische Würdigung ihrer hohen Klavierkunst dar, dass die Deutsche Grammophon jetzt zwei ihrer Schlüsselaufnahmen neu auflegt: das "Wohltemperierte Klavier" (1952/53, 4 CDs), das den jungen Glenn Gould so maßgeblich prägte, und die "Goldberg-Variationen" (1998; 2 CDs), die die Tureck selbst als ihre "reifste Interpretation" des Werkes kennzeichnete. Diese 6 CDs finden sich in der neuen Tureck-Edition in einer elegant gestalteten Klappbox und enthalten ein 24-seitiges Booklet mit einem brandneuen Essay aus der Feder des Pianisten und Musikschriftstellers Jed Distler, der den immensen Einfluss dieser "Hohepriesterin Bachs" (H. C. Schonberg) vorführt. Ein Muss für alle Liebhaber großer Klaviermusik.