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11.09.2014
Kim Kashkashian

Unerhörter Klangreiz - Werke für Flöte, Viola und Harfe von Debussy, Takemitsu und Gubaidulina

Kim Kashkashian wurde für ihr Album mit Musik von Kurtag und Ligeti 2013 mit einem Grammy ausgezeichnet. Jetzt legt sie ihre neue Aufnahme mit Werken von Debussy, Takemitsu und Gubaidulina für die faszinierende Besetzung Flöte, Viola und Harfe vor

Kim Kashkashian, Unerhörter Klangreiz © Claire Stefani / ECM Records Kashkashian, Magen, Piccinini

Claude Debussys Sonate für Flöte, Viola und Harfe ist Herzstück der ersten gemeinsamen Aufnahme von Bratschistin Kim Kashkashian, Harfenist Sivan Magen und Flötistin Marina Piccinini für ECM New Series. Um das viersätzige Werk herum gruppiert das Trio, das sich nach einer Begegnung beim Malboro Music Festival im Sommer 2010 gegründet hat und "Tre voci" nennt, die beiden Einsätzer "And then I knew ‘twas Wind" von Tōru Takemitsu und "Garten von Freuden und Traurigkeiten" von Sofia Gubaidulina.

Mirakulöses Werk

Debussy hat mit seiner 1915 vollendeten Sonate für Flöte, Viola und Harfe ein Mirakel hinterlassen, ein Werk, dessen unerhörter Klangreiz einer vordem höchst unüblichen Trio-Besetzung zu später Beliebtheit in der Kammermusik des 20. und 21. Jahrhunderts verholfen hat. Rund 200 Werke für Flöte, Viola und Harfe sind seither veröffentlicht worden. Welch bemerkenswertes Wachstum entfachte Debussy mit seinem Spätwerk, über das er selbst zwiespältig dachte. „Sie ist furchtbar traurig“, schrieb er über die Sonate. „Und ich weiß nicht, ob man darüber lachen oder weinen soll? Vielleicht beides zusammen?“

Östliches Zeitverständnis

Es ist nicht allein das reiche Farbenspektrum, das drei Arten der Klangerzeugung (Zupfen, Streichen, Blasen) auf engstem Raum erzeugen. Als bahnbrechend an Debussys Sonate hat Heinz Holliger eine neuartige Zeitgestaltung erkannt: „Der Zeit-Ablauf ist von einer vorher in der abendländischen Musik nicht bekannten Flexibilität. Die Musik beginnt förmlich wie ein lebendiger Organismus zu atmen.“ Holliger glaubt, Debussy sei dazu – ähnlich wie Sofia Gubaidulina, die zur Entstehenszeit von "Garten von Freuden und Traurigkeiten" asiatische und kaukasische Musik erkundete – durch die Begegnung mit fernöstlicher Musik angeregt worden. Sie habe unmittelbar auf den Wesenskern seiner Musik eingewirkt, statt ihn nur zur vielzitierten Adaption der Klangwelt des Gamelans zu inspirieren.

Farbiger Osten und westliches Denken

Auch Sofia Gubaidulinas einsätziges Stück für Flöte, Viola und Harfe (1980) vereint Einflüsse aus Ost und West. Es wurde von Versen des deutschen Dichters Francisco Tanzer inspiriert, die am Ende der vorliegenden Aufnahme rezitiert werden. Der Titel "Garten von Freuden und Traurigkeiten" geht indessen auf ein Prosa-Gedicht des russischen Poeten Iv Oganov über den legendären armenischen Troubadour Sayat Nova zurück. „Der kräftigen Farbigkeit des Ostens steht eine typisch westliche Denkweise gegenüber“, schreibt die Komponistin über ihr Stück. Musikalisch kommt dieses Verhältnis in der hellen Klangsphäre von Natur- und Flageoletttönen auf der einen und der Expressivität von kleiner Sekunde und kleiner Terz auf der anderen Seite zum Ausdruck.

Direkte Bezugnahme

Mag der Einfluss der Sonate für Flöte, Viola und Harfe auf Gubaidulinas "Garten" vielleicht nur als eine Art unbewusster Affinität der Komponistin zu erklären sein, so nimmt Tōru Takemitsu mit "And then I knew ‘twas Wind" aus dem Jahr 1992 direkten Bezug auf Debussys Werk. Der japanische Komponist wünschte sich, dass sein einsätziges Werk, das von einem Gedicht der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson inspiriert ist, zusammen mit der Sonate zur Aufführung gelange. Deren erste sechs Töne zitiert er im 22. Takt seines Stücks in transponierter Form. Der freie Umgang mit der Temponotation und die häufigen Wechsel des  Metrums haben eine ganz ähnliche Wahrnehmung des Zeitflusses beim Hören beider Kompositionen zurfolge. Nicht selten entsteht bei Takemitsu der Eindruck, es seien keine Instrumente aus westlicher Tradition zu hören, sondern ihre japanischen Pendants.