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23.06.2016
Carlos Kleiber

Hochempfindsam - Carlos Kleiber interpretiert Beethoven, Schubert und Brahms

Die limitierte Deutsche Grammophon Deluxe Edition mit Kleibers hochgeschätzten Orchester-Aufnahmen ist endlich wieder erhältlich.

Carlos Kleiber, Hochempfindsam - Carlos Kleiber interpretiert Beethoven, Schubert und Brahms © Gabriela Brandenstein / DG Carlos Kleiber

Sein Weg war beschwerlich. Er war ein hochempfindsamer Mensch. Obgleich vom Publikum geliebt und von den Musikern, mit denen er zusammenarbeitete, bewundert, nagten bis an sein Lebensende Zweifel an ihm. Nie erlangte er die endgültige Gewissheit darüber, ob er dem Beruf des Dirigenten genügt hatte. Keinen äußeren Beweis seines unumstrittenen Genies ließ er gelten. Aber was für die Psyche ungesund ist, kann für die getreue Nachempfindung romantischer Musik eine Voraussetzung sein, und es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich der Genius von Carlos Kleiber neben der Hochbegabung seiner reizbaren Seele verdankte.

Heißer Draht zur Romantik

Jedenfalls gab es bislang nur wenige Dirigenten, die einen so heißen Draht zu den gefühlsstarken Komponisten der romantischen Tradition hatten. Kleiber führte die 5. Sinfonie von Beethoven nicht auf. Er lebte sie. Dieser Mann, der sich zeitlebens in einem innerlich nervenzehrenden Kampf mit seinem scheinbar übergroßen Vater befand, wusste, was Schicksal ist. Eine "Schicksalssinfonie"? Ein Aufbegehren gegen innere Hindernisse? Wie geschaffen für Carlos Kleiber, der eine lebhafte Vorstellung davon hatte, wie intensiv Beethovens Gefühlswelt war. Dem Orchester vermittelte er dies in Gleichnissen, mit Geschichten und in scherzhafter Manier. Sein Humor war legendär. Noch heute schwärmen die Musiker, die mit ihm zusammenarbeiteten, von dem sprühenden Geist, dem unerschöpflichen Esprit dieses Mannes.

Edle Ausgabe wieder erhältlich     

Von der musikalischen Ernte, die Carlos Kleiber mit den Wiener Philharmonikern einfuhr, kann man sich jetzt wieder aufs Neue überzeugen. Die  limitierte Hardcover-Edition mit sämtlichen Orchester-Werken, die Kleiber unter der Regie der Deutschen Grammophon eingespielt hat, ist endlich wieder erhältlich. Darunter Beethovens fünfte und siebte Sinfonie, Schuberts Dritte und seine unvollendete Achte sowie die reife vierte Sinfonie von Johannes Brahms. All diesen Werken verleiht Carlos Kleiber seine ganz persönliche Handschrift, und es ist ein Segen, dass diese wundervollen Aufnahmen jetzt in hoher Klangqualität, remastert in 24 bit/96 kHz-Qualität, wieder auf CD und als Blu-ray Audio vorliegen.

Ins emotionale Zentrum

Die Blu-ray enthält zusätzlich zu den Sinfonien eine 70-minütige Audio-Dokumentation, auf der man ergreifende Probe-Mitschnitte aus Verdis Oper "La Traviata" und der "Fledermaus" von Johann Strauss II zu hören bekommt. Außerdem berichten in dieser Dokumentation illustre Weggefährten Kleibers wie Thomas Hampson, Felicity Lott oder Ileana Cotrubas von der einnehmenden Persönlichkeit des Dirigenten, der vielen Musikern eine nie versiegende Inspirationsquelle war. Selbiges bestätigt auch der einfallsreiche Booklet-Essay von Jon Tolansky, der in fesselnden Worten Kleibers lebenslangen Kampf um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen technischer Perfektion und emotionalem Ausdruck beschreibt.

Letztendlich schlug das Pendel in Richtung Emotionalität aus. So präzise Kleiber auch war, seine eigentliche Gabe war die Neuentfachung der romantischen Glut. Und darin machte ihm keiner was vor. Beethovens Fünfte, die vor lauter Anspannung und flirrender Ekstase vibriert, demonstriert dies eindrucksvoll. Bei Schubert zeigt Kleiber hingegen oft sein Faible für fließend-lyrische Klangbewegungen. Dagegen kommt die Vierte von Brahms bei ihm ungewöhnlich leicht daher. Ob mit explosiven oder zärtlichen Mitteln, ob kontrastreich oder organisch fließend, Carlos Kleiber verstand es immer, den Funken überspringen zu lassen, und es ist ein Hochgenuss, sich von dieser Kunst jetzt erneut mitreißen zu lassen.