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23.04.2014

Jenseits der Maßstäbe - Soloaufnahmen von Svjatoslav Richter

Svjatoslav Richter zählt zu den größten Pianisten des 20. Jahrhunderts. Die Decca-Box "Solo Recordings" präsentiert auf 33 Tonträgern einen Längsschnitt durch sein Schaffen, aufgenommen weitgehend live.

Svjatoslav Richter, Soloaufnahmen von Svjatoslav Richter © Decca Sviatoslav Richter

Dirigent ist er nie geworden, obwohl er die Möglichkeit dazu gehabt hätte. "Es gibt zwei Dinge die ich hasse: Analyse und Macht", meinte Svjatoslav Richter in einem Fernsehinterview und eben das sind die beiden Eigenschaften, die am Pult eines Orchesters zählen. Außerdem war er zu dem Zeitpunkt, als er es mit dem Taktstock versuchte, in seiner russischen Heimat bereits ein Star und jenseits des Eisernen Vorhangs eine Legende. Als es ihm schließlich auch erlaubt war, in den Westen zu reisen und Konzerte zu geben, wurde bald klar, dass Richter eine der faszinierendsten Persönlichkeiten überhaupt war, die die Geschichte der Klaviermusik bis dato erlebt hatte.

Spätes Studium bei Neuhaus

Tonleitern hat er nie geübt. Svjatoslav Richter war Autodidakt, Sohn eines deutschen Konzertpianisten, den die Liebe in die Ukraine verschlagen hatte, die damals noch Klein-Russland hieß, und der seinen Sohn schon als kleines Kind mit der Welt der Oper und Konzertsaalklassik in Kontakt brachte. Und doch war Richter auch Schüler von Heinrich Neuhaus. Das an sich war schon ein Qualitätsmerkmal. Nach den Anfängen in der Provinz landete Richter als 22jähriger in Moskau und schaffte mühelos die Aufnahme in die Neuhaus-Klasse am Moskauer Konservatorium. Gemeinsam mit Kollegen wie Emil Gilels wurde er in die Feinheiten der interpretatorischen Praxis eingeführt, befreundete sich mit Mstislaw Rostropowitsch und Sergej Prokowjew, dessen 6.Sonate er anno 1942 aus der Taufe hob.

Pianistischer Adlerflug

Richter wurde zum heimlichen Favoriten des Instituts, gewann drei Jahre später den Allunionswettbewerb für Pianisten in Moskau und avancierte zum Star der sowjetischen Konzerthallen. Und Neuhaus war ihm so etwas wie ein zweiter Vater, der auch mit der Bewunderung für den Schützling nicht hin dem Berg hielt. „Man fühlt deutlich“, meinte er auf seinen berühmten Schüler hin befragt, „dass das ganze Werk, sei es auch von gigantischen Ausmaßen, vor ihm liegt wie eine riesige Landschaft, aus dem Adlerflug zugleich im Ganzen und in den Details gesehen, aus ungewöhnlicher Höhe und mit unwahrscheinlicher Deutlichkeit. Ich muss ein für alle mal sagen, dass ich eine solche Einheitlichkeit, Natürlichkeit, einen derartig musikalisch-künstlerischen Horizont bei keinem mir bekannten Pianisten getroffen habe, und ich habe alle 'Großen' gehört“.

Legende zu Lebzeiten

Richters internationale Karriere allerdings musste noch mehr als ein Jahrzehnt warten. Die sowjetische Kulturpolitik des Kalten Krieges gestattete dem Künstler die Ausreise nicht. Die Behörden hatten Angst um ihren Schützling, zumal es dessen Mutter nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschlagen hatte. So konnte er erst in der politischen Tauwetterphase zu einer großen Konzerttournee nach Skandinavien und in die USA aufbrechen - die umso mehr zum gefeierten Ereignis wurde. Im Jahr 1960 erlebte man Svjatoslav Richter zum ersten Mal in New York, nach Deutschland kam er erst 1971. Längst galt er als eine der legendären Gestalten der Musikwelt und seine zahlreichen Aufnahmen wurden wie Devotionalien auf den Schreinen der Klaviergemeinde verehrt. Seine Vorliebe für kleine Säle, für inspirierendes Ambiente und ungewöhnliche Auftrittsorte machten Richters Tourneen zu schwer berechenbaren Konzertreisen. Er spielte viel, selbst in seinen Siebzigern zuweilen mehr als 100 Konzerte pro Jahr, übte darüber hinaus bis zu zehn Stunden am Tag, war sich aber trotz messerscharfer Beobachtungsgabe und gewaltigem kulturellen Hintergrundwissen seiner Interpretationen nur selten sicher.

Sammlung seiner Soloaufnahmen

Dieses Moment des Zweifels aber ließ seine Musik beständig über sich hinaus wachsen. Die 33 CDs der Edition "Svjatoslav Richter - Solo Recordings" mit überwiegend live im Konzert gemachten Aufnahmen aus den Archiven der Labels Philips und Decca sind daher in jeder Hinsicht erstaunliche Stellungnahmen eines Präzisionsarbeiters, der sich mit einer alles transzendierenden Musikalität in die Klangwelten der Kompositionen einfindet. Sei es die vermeintliche Verschmitztheit der Mozart-Sonaten, die kraftgenialische Transzendenz der späten Beethoven-Sonaten oder auch die versunkene Verstocktheit eines Skrjabin oder das wütende Pathos eines Prokowjew, sei es die erdenferne Genialität von Schuberts Sonaten oder auch deren klassische Pendants von Joseph Haydn und Carl Maria von Weber - Richter gelingt es, mit jedem Ton der Hörer zu fesseln und dem Atem der Musik zu folgen, so als wäre sie nur für ihn und seine Klangkompetenz, seine feine Farbgebung, emphatische Ausdruckskraft und empathische Gestaltung geschaffen worden. Das ist hohe, zeitlose Kunst, in jeder Schwingung, und ein Pflichtprogramm für jeden, der seine Sammlung klassischer Meisterwerke ernst nimmt.