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03.04.2014
ECM Sounds

Unerhörte Spannungen - Kammermusik von Harrison Birtwistle

ECM New Series widmet der Musik des britischen Komponisten Harrison Birtwistle erstmals ein ganzes Album. Till Fellner, Lisa Batiashvili, Adrian Brendel und die Sänger Amy Freston und Roderick Williams haben es aufgenommen.

ECM Sounds, Unerhörte Spannungen © Nadia F. Romanini Adrian Brendel, Lisa Batiashvili

Harrison Birtwistle zählt zu den originellsten, herausfordernsten und provokantesten britischen Komponisten der Gegenwart. „Sein einzigartiges Balancieren zwischen dem Urwüchsigen und dem Rationalen, dem Universellen und dem Besonderen, dem Alten und dem Neuen bringt eine Musik hervor, die zugleich herausfordert und tröstet, weil sie es vermag, menschliche Emotionen in vielgestaltiger und stimulierender Weise zu artikulieren“, schreibt Birtwistle-Biograf Jonathan Cross.

Erstklassiges Ensemble

Wenige Wochen vor dem 80. Geburtstag von Harrison Birtwistle erscheint in der ECM New Series nun erstmals ein Album, das der Musik des Komponisten gewidmet ist. Es steht ganz im Zeichen der Kammermusik und Kunstlieder dieser Zentralfigur der zeitgenössischen Musik Großbritanniens und beleuchtet damit Schaffensbereiche, denen sich Birtwistle in den beiden vergangenen Dekaden in besonderem Maße zugewendet hat. Ein erlesenes Künstlerkollektiv war an den Aufnahmen beteiligt: Im Trio und einzeln sind der Pianist Till Fellner, die georgische Geigerin Lisa Batiashvili und der englische Cellist Adrian Brendel zu hören. Zu ihnen gesellen sich die in London geborenen Sänger Amy Freston und Roderick Williams.

Settings of Lorine Niedecker

Die ersten drei seiner insgesamt zwölf "Settings of Lorine Niedecker" für Sopran und Cello schrieb Harrison Birtwistle 1998 zum 90. Geburstag von Elliott Carter, nochmals sechs Vertonungen von Versen der kaum bekannten US-amerikanischen Dichterin Lorine Niedecker (1903-1970) entstanden 2000 und drei weitere kamen erst unlängst hinzu. „Ich betrachte diese Abfolge vokaler Miniaturen, die mit meinem Beitrag für Carter begann, als eine Art Blumenstrauß“, sagt Birtwistle über seine Gedichtvertonungen. „Dem ersten Anschein nach könnten diese Miniaturen – neun von ihnen umfassen nicht mehr als ein Notenblatt oder weniger – kaum karger in Textur und Ausdruck sein“, schreibt der Musikkritiker Bayan Northcott in seinem Begleittext zum Album. „Doch diese konzentrierten Lieder verlangen ihren Interpreten das Äußerste an Präzision, Ausdruck und Zeitmaß ab. Ähnlich den Vertonungen Weberns eröffnen die wenigen Worte und Noten auf dem Papier eine ganze Welt von Gedanken und Gefühlen.“

Bogenstrich - Meditations on a poem of Rilke

Zum 75. Geburtstag von Alfred Brendel schrieb Harrison Birtwistle ein "Lied ohne Worte", ein sechsminütiges Stück für Cello und Klavier voller Gegensätze. Die Musik, 2006 beim Klavierfestival Ruhr von Adrian Brendel und Till Fellner aus der Taufe gehoben, wirkt gläsern in zweifachem Sinne: abweisend und zugleich fragil. Sie ist explosiv und lyrisch, feindselig und bestrickend. Es verwundert nicht, dass Birtwistle aus diesem Nukleus eine Reihe von Variationen gewonnen hat - einschließlich der zweifachen Vertonung des Rilke-Gedichts "Liebes-Lied" in einer Fassung für Bariton und Klavier und in einer instrumentalen Fassung. „Das Ergebnis, vollständig uraufgeführt 2009, ist ein echter Zyklus, in dem musikalische Ideen in verschiedenen Kontexten wiederkehren und der fast etwas von der poetischen Intimität eines späten Schumann hat“, schreibt Bayan Northcott im Begleitheft. Birtwistle entnahm den Titel für seinen Zyklus aus Rilkes Gedicht über die Unmöglichkeit, sich einer kraftvoll aufflammenden Liebe zu erwehren.

Trio für Geige, Cello und Klavier

Nur wenige bedeutende Trios für Geige, Cello und Klavier entstanden im 20. Jahrhundert. Vielleicht weil es so schwierig ist, die beiden Streicher gegenüber der Kraftentfaltung eines modernen Konzertflügels auszubalancieren. Harrison Birtwistle fand in seinem einsätzigen Trio, geschrieben 2010 für Batiashvili, Brendel und Fellner, eine inhaltlich und formal überzeugende Lösung für das Problem. Teils treten Klavier und Streicher hier abwechselnd auf, und teils bilden Geige und Cello ein Duett, während das Klavier zugleich seinen eigenen Figurierungen nachgeht. Nur in einer Kulminationsphase gegen Ende des 16-minütigen Werks verschränken sich die Instrumente kurz ineinander: In langen Linien entfalten sich Geige und linke Hand des Klaviers gegenüber rasanten Figuren des Cellos und der rechten Klavierhand.