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13.02.2014
Anna Netrebko

Eine Audrey Hepburn mit Stimme - Anna Netrebko singt die Tatjana in "Eugen Onegin"

Deborah Warners Met-Inszenierung der Tschaikowski-Oper "Eugen Onegin" war ein musikalisches Großereignis im Vorjahr. Jetzt erscheint bei der Deutschen Grammophon auf DVD und Blu-ray ein Mitschnitt der gefeierten Aufführung vom 5. Oktober 2013.

Anna Netrebko, Eine Audrey Hepburn mit Stimme © Lee Bromfield / Metropolitan Opera Anna Netrebko und Piotr Beczala

Die Oper "Eugen Onegin" galt im Westen lange Zeit als ein exotischer Stoff. Man dachte, die Handlung auf einem russischen Gut, mit all den kulturellen Eigentümlichkeiten, berühre unser Leben nicht. Doch wie so oft liegt gerade in ferneren Szenarien die Universalität menschlicher Leidenschaften tief verborgen. Und so trat im Laufe der Jahre ans Bühnenlicht, wie präzise diese Oper die erotische Tragik der menschlichen Existenz erfasst. Es geht um "verpasste Chancen", sagt Regisseurin Deborah Warner, die "Eugen Onegin" an der Met inszeniert hat und deren Inszenierung vom 5. Oktober 2013 jetzt mit der wunderbaren Anna Netrebko in der Hauptrolle der Tatjana auf DVD und Blu-ray anzuschauen ist.

Psychologische Dynamik

Die Handlung gestaltet sich einfach, aber sie hat es psychologisch in sich. Kurz gefasst verliebt sich die verträumte Tatjana, die gerne romantische Romane liest, eines Tages in Eugen Onegin und bekennt ihm ihre Liebe in einem leidenschaftlichen Brief. Onegin wehrt ab. Ihn berührt der Brief zwar sehr, aber er sieht sein Leben nicht in einer Ehe und hat Angst vor Langeweile. Jahre später trifft er in St. Petersburg wieder auf Tatjana, die inzwischen verheiratet ist. Als er sie erblickt, wird ihm schlagartig bewusst, wie tief seine Gefühle für sie noch sind. Onegin, der inzwischen ganz Europa bereist hat, will sich an Tatjana binden und fleht sie an, mit ihm zu fliehen. Doch Tatjana, die Onegin immer noch liebt, steht treu zu ihrem Ehemann.

Modernes Bühnenbild

Deborah Warner hat die Oper aus Puschkins Epoche ans Ende des 19. Jahrhunderts verlegt, in Tschaikowskis und Tschechows Zeit. Damit holt sie den Stoff näher an uns heran und vermeidet eine vorschnelle Folklorisierung, die sich nur an der kulturellen Fremdheit des Geschehens erbaut. Dazu passt, dass ihre Kostümbildnerin, Chloe Obolensky, "wunderschöne Kleider", wie Warner betont, "und eben nicht Kostüme" entworfen hat. Das Bühnenbild von Tom Pye, unter der Lichtregie von Jean Kalman, ist "gläsern, eisig". Ein Wintergarten wird angedeutet, "mit viel Glas und von der Sonne ausgeblichenen Vorhängen … eine schläfrige Stimmung. Hier hält sich Tatjana am liebsten auf."

Bühnenwunder Anna Netrebko

Ein solch kühles und durch die prächtigen Kleider schon leicht angewärmtes Setting scheint wie geschaffen für die bezaubernde Sopranistin Anna Netrebko, die wie kaum eine andere Sängerin geeignet sein dürfte, Tatjana mit jener leidenschaftlichen Hitze und moralischen Ernsthaftigkeit auszustatten, die sie zu einer tragischen Heldin machen. Denn ein tragisches menschliches Problem ist und bleibt es, sich zwischen ehelicher Treue und romantischer Glut, zwischen Geborgenheit und Abenteuer entscheiden zu müssen. Und strahlt Anna Netrebko nicht selbst etwas von dieser Ambivalenz des menschlichen Lebens aus? So resolut ihr Auftreten einerseits ist, so zerbrechlich wirkt diese bereits treffend als "Audrey Hepburn mit Stimme" charakterisierte "Diva des frühen 21. Jahrhunderts" doch andererseits.

Beides liegt so nah beieinander, Entschiedenheit und zärtliches Nachgeben, und bei wenigen Komponisten spiegeln sich diese Gegensätze so deutlich wie bei Tschaikowski, der gemeinsam mit Konstantin Shilovsky Puschkins Versepos "Eugen Onegin" für die Bühne aufbereitet und mit seiner zugleich zärtlichen und kräftigen Kompositionskunst dem Libretto das angemessene musikalische Gepräge unterlegt hat. In diesem Sinne stellt es einen großen Vorzug dar, dass man auf der jetzt erschienenen DVD/Blu-ray Tschaikowski zu hören und Anna Netrebko zu hören und zu sehen bekommt, dazu noch das fabelhafte Bühnenbild und all die durchdachten Ideen der Regisseurin Deborah Warner. Gesungen wird die Oper übrigens auf Russisch. Deutsche Untertitel sind aber selbstverständlich verfügbar.