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06.02.2014
ECM Sounds

Die Klangwerdung überhörter Dinge: Das neue Album von Helena Tulve "Arboles lloran por lluvia"

Mit "Arboles lloran por lluvia" („Bäume schreien nach Regen“) veröffentlicht ECM New Series ein neues Album von Helena Tulve, das dem gefeierten ECM-Erstling "Lijnen" der estnischen Komponistin in nichts nachsteht.

ECM Sounds, Die Klangwerdung überhörter Dinge © Tarvo Hanno Varres / ECM Records Helena Tulve

Demut vor der Natur gehört nicht gerade zu den bevorzugten Eigenschaften des modernen Menschen. Eher sucht er die Natur zu beherrschen, als dass er sich von ihrem Eigensinn beeindrucken oder gar leiten ließe. Erst langsam rückt in den letzten Jahrzehnten der Gedanke, dass wir der Natur etwas schulden, ja dass sie zu uns spricht, zurück ins Bewusstsein des Menschen.

Ursprung der Klänge

In der Musik war die Frage nach dem Ursprung von Klang und Rhythmus, und verbunden damit das Problem, warum wir bestimmte Klänge schön finden, andere wiederum nicht, bis weit in das Barockzeitalter hinein ein kosmologisches Thema. In einem Begriff wie dem des Sphärenklangs kommt noch deutlich die Überzeugung zum Ausdruck, dass die Musik vor dem Mensch da war, der Mensch die Musik also nur entdeckt hat.

Andererseits sind die Instrumente, sind die Arten und Weisen, wie Menschen musizieren, kulturell bedingt und insofern sehr wohl menschliche Erzeugnisse. Die alte Frage, ob wir die Töne beherrschen oder die Töne uns, bleibt also bestehen. Praktisch gewendet lautet sie: Soll man in der Musik so weit wie möglich das Tongeschehen beherrschen, oder soll man sich nicht vielmehr selbst vom Tongeschehen beherrschen lassen, in einem Wort: empfänglich werden.

Es kommt aufs Hören an

Diese Gedanken führen direkt ins Zentrum des musikalischen Schaffens der estnischen Komponistin Helena Tulve. Und was die Beantwortung der alten Frage anbelangt, so lassen ihre Kompositionen und bestimmte Äußerungen von ihr keinen Zweifel an ihrer Haltung. Helena Tulve kommt es auf das Hören an. In einem Interview bekennt sie einmal: „Ich war immer davon überzeugt, dass es so viele Formen des Hörens wie es Menschen gibt. Wir sind tagtäglich mit so vielen Geräuschen, Musik inbegriffen, umgeben, und wir bemerken sie gar nicht.“ Der Komponist, so wie sie ihn versteht, lauscht diesem Unbemerkten nach, er will es bergen und dem Vergessen entreißen.

Auslotung des Klangs

Helena Tulve, Jahrgang 1972, studierte bei dem renommierten Komponisten Erkki-Sven Tüür am Staatlichen Tallinner Konservatorium. Sie wurde stark von der französischen Spektralmusik geprägt, aber auch vom gregorianischen Choral. Was sie mit der Spektralmusik verbindet, ist die Idee, die Möglichkeiten von Klängen mithilfe von Obertönen bis an die Grenzen auszuschöpfen. Klang und Ton sind ihre Spezialität, ihr Ausdrucksmittel, und sie sucht das, was an klanglichen Möglichkeiten immer schon da ist, zu erforschen und zu komponieren.

Ein sehnsüchtiges Flehen    

Wie nah Helena Tulve mit ihren Kompositionstechniken an menschliche Regungen und an die Natur heranrückt, davon zeugt ihr gerade erschienenes, großartiges neues Album "Arboles lloran por lluvia". Bereits der rätselhafte Titel des Albums zieht magisch an: "Arboles lloran por lluvia" („Bäume weinen nach Regen“) wirft die Frage auf, inwiefern Bäume sich äußern können. Aber wer je einem solchen Exponat der Natur nachgelauscht hat, der weiß, dass dies eine falsche Frage ist. Tulve jedenfalls hört die Bäume weinen und gibt ein betörendes musikalisches Zeugnis davon. Das titelgebende Stück "Arboles lloran por lluvia" ist allerdings trotz der beunruhigenden Botschaft noch das heiterste Stück dieses Albums. Die Sopranistin Arianna Savall artikuliert den Schrei der Natur eher wie eine sehnsüchtige, innerliche Bitte.

Äußerste Gespanntheit

Stark nach innen gerichtet sind auch die anderen Stücke, ohne dass diese Konzentriertheit eine ausgewogene Ruhe, wie dies manchmal bei Tulves Landsmann Arvo Pärt der Fall ist, zur Folge hätte. Eher handelt es sich bei dem, was Tulve mitteilt, um eine maximale innere Gespanntheit, ein dunkles Dürsten nach Erlösung, das von Ferne erklingt. Die gregorianisch, zum Teil auch sirenenartig anmutenden Gesänge, der flehende Flüsterton von Sängerin Arianna Savall in "Silences/Larmes", aber auch die inwendigen instrumentalen Geräusche und Klänge scheinen sich von sehr weit her geltend, sich hörbar zu machen, und das ist, bei aller Krassheit und Fragilität, so umwerfend schön, so ergreifend natürlich und menschlich, dass man sich fragt, wie es dazu kommen konnte, dass man all dies bislang überhört hat? Denn darum geht es: dass Überhörte hörbar zu machen.