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05.02.2014

100 Jahre russisches Virtuosentum zusammen in einer Box mit Künstlern wie Vladimir Horowitz, David Oistrach und Vadim Repin.

Die Edition "Russische Virtuosen - Berühmte Konzerte" gibt Einblick in 100 Jahre russischen Klavier- und Geigenvirtuosentums. Sie beinhaltet legendäre Konzert-Einspielungen von Vladimir Horowitz, David Oistrach, Vadim Repin und anderen.

100 Jahre russisches Virtuosentum © DG Russische Virtuosen - Berühmte Konzerte

Die Oktoberrevolution setzte der Epoche eines im großbürgerlich-aristokratischen Leben wurzelnden russischen Virtuosentums, das von großen Pianisten- und Geigerpersönlichkeiten wie Sergei Rachmaninow oder Henryk Wieniawski verkörpert worden war, ein Ende. Mit dem Pianisten Vladimir Horowitz verlies 1925 einer der letzten Vertreter dieses untergehenden Zeitalters die Sowjetunion, gerade noch rechtzeitig vor der Machtergreifung Stalins. Kollektivistisches Denken, die systematische Verfolgung Andersdenkender und eine straff organisierte zentralistische Bildungspolitik standen einer freiheitlichen Kunstauffassung fortan diametral gegenüber.

Musik hinter dem Eisernen Vorhang

Die Schöpfer neuer Musikwerke hatten darunter besonders schwer zu leiden, wie das Beispiel Dmitri Schostakowitschs, des wohl bedeutendsten Komponisten der Sowjetunion, zeigt. Er sah sich wiederholt dem Vorwurf ausgesetzt, Produzent einer „formalistischen“ und „volksfremden“ Kunst zu sein, und lebte ständig zwischen drohender Verhaftung einerseits und Lobpreisungen seiner Werke andererseits. Dass hinter dem Eisernen Vorhang aber weiterhin Generationen brillanter Interpreten heranwuchsen, die Weltruhm erlangt und zahllose legendäre Aufnahmen - auch im Westen - gemacht haben, gehört sicher zu den erstaunlichsten Phänomenen der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Einer Auswahl der größten Künstler unter ihnen ist die nun bei Deutsche Grammophon erscheinende limitierte Edition "Russische Virtuosen - Berühmte Konzerte" (6 CDs) gewidmet.

Legendäre „russische Schule“

In gewisser Weise hatten es Interpreten in der Sowjetunion leichter als die Komponisten. Das Repertoire war klar umgrenzt, bot an kanonischen Meisterwerken aus Barock, Klassik und Romantik (insbesondere der russischen) aber eine überreiche Fülle. Den bedeutendsten Musikern war es vergönnt, die großartigen neuen Werke Prokofievs, Schostakowitschs oder Chatschaturjans aufzuführen. Heinrich Neuhaus, Abram Yampolsky und andere herausragende Lehrer an den staatlichen Konservatorien setzten auf eine moderne Pädagogik, die auf optimale Entfaltung individueller Veranlagung und künstlerische Unabhängigkeit abzielte. Ihre Absolventen reüssierten scharenweise bei den internationalen Wettbewerben von Brüssel oder Warschau und zementierten den legendären Ruf der „russischen Schule“.

Kunstausübung als Dienst am Vaterland

Den Spagat zwischen Anpassung und künstlerischer Freiheit hatten dennoch alle Interpreten zu bewältigen: die Pianisten Emil Gilels und Sviatoslav Richter, die Geiger David Oistrach und Gidon Kremer sowie der Cellist Mstisislav Rostropovich, denen diese Box gewidmet ist. Sie spielten zur Hebung der Moral an der Front, in Betrieben oder auf Kolchosen und hatten ihr Privatleben sauber zu halten, um Konzertreisen ins Ausland antreten zu dürfen. Als Teilnehmer internationaler Wettbewerbe verlangte man von ihnen Übermenschliches. Der Löwenanteil ihrer an westlichen Standards gemessen bescheidenen Einkünfte ging dabei nur oft genug an die staatliche Konzertagentur.

Künstler des Volkes?

David Oistrach, ein 1908 in Odessa geborener Geiger jüdischer Abstammung, war unter ihnen wohl das strahlendste musikalische Aushängeschild der Sowjetunion. Der Virtuose wurde nicht nur weltweit für sein exzeptionelles Spiel bewundert. Er passte hervorragend ins staatlich gewünschte Bild, das sich der Westen von der UdSSR machen sollte. An seinem glänzenden Beispiel demonstrierte man die eigene Überlegenheit ebenso wie die vorzügliche Behandlung von Juden im Sowjetreich. Die beklemmende Schilderung eines Verfolgungstraumas des Geigers durch Mstislav Rostropovich im Film "David Oistrakh, Artist of the People?" gibt eine Ahnung von den inneren Spannungen, denen Oistrach ausgesetzt gewesen sein muss.

Musik als Möglicheitsraum

Rostropovich selbst hat eines der bekanntesten Beispiele für menschliche und künstlerische Unbeugsamkeit in der Sowjetunion gegeben. Mit seiner Parteinahme für den staatlich geächteten Schriftsteller Alexander Solschenyzin handelte er sich 1971 ein Ausreiseverbot ein. 1973 ging er gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Sopranistin Galina Vishnevskaya, in den Westen. Sein Wort: „Musik war alles, was uns blieb, eine Art Öffnung, ein Fenster zur Sonne, zur frischen Luft, zum Leben. Darum liebten wir die Musik mehr als irgendwer im Westen“, gilt zweifellos für alle Künstler dieser großartigen Box.

"Russische Virtuosen - Berühmte Konzerte"

Die Edition "Russische Virtuosen - Berühmte Konzerte" gibt einen Überblick über 100 Jahre russischen (zeitweilig sowjetischen) Klavier- und Geigenvirtuosentums und umfasst Einspielungen von dem 1903 noch im zaristischen Russland geborenen Vladimir Horowitz ebenso wie von Yevgeni Kissin und Vadim Repin, zwei 1972 geborenen Weltstars, die noch in der Sowjetunion ausgebildet wurden. Die 6CD-Box beinhaltet Violinkonzerte von Mendelssohn, Bruch, Bach, Tschaikowski und Beethoven, Klavierkonzerte von Mozart, Rachmaninow, Prokofiev und Tschaikowski sowie die Cellokonzerte von Schumann und Dvořák.