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22.10.2013
Hélène Grimaud

Christopher von Deylen über Hélène Grimaud

Hélène Grimaud, Brahms Concertos © Mat Hennek / DG Hélène Grimaud

New York, es ist kurz vor 06:00 Uhr. Ich wache auf, bevor der Wecker die Chance hat, mich aus dem Schlaf zu reißen. Die Sonne scheint. Ein wunderschöner Tag im Mai.

Text: Christopher von Deylen | Foto: Mat Hennek / DG

Ich verlasse mein Hotelzimmer, gehe dem Morgen entgegen. Aus den Kopfhörern erklingt ‘The sun rising' von The Beloved. Passt ja. Die Straßen von Soho sind noch leer, nur vereinzelt sehe ich Menschen, die mit ihren scheinbar angewachsenen coffee-to-go-Bechern auf dem Weg von irgendwohin nach irgendwohin sind. In wenigen Stunden wird hier das übliche Verkehrschaos von Manhattan den Lebensrhythmus bestimmen, wird auf den Trottoirs hektische Betriebsamkeit herrschen.
Der wortkarge Taxifahrer trägt eine dunkle Sonnenbrille und einen bunten Turban. Ich fahre in ein Tonstudio nach Brooklyn. Die Verabredung mit Hélène Grimaud ist im letzten Moment hierher verlegt worden, die Akustik soll ausgezeichnet sein.
Die Bandmaschine läuft. Wir stehen im Aufnahmeraum. Es geht los. Angesichts Hélènes Hingabe zerbröseln mir meine Sätze immer wieder auf halber Strecke. Ich beschließe zu schweigen. Wir spielen die Variation über ein Thema von Paganini und können nicht genug davon bekommen. Unser Tonmeister hat schon lange abgewunken: "Great, we have it." - wir scheinen ihn nicht zu hören. Immer wieder beginnen wir von vorne, erleben dieses leidenschaftliche Stück ein ums andere mal. Die Außenwelt verwischt. Rastlosigkeit und Hektik der großen Stadt erscheinen weit entfernt. Die Zeit rast. Im Mondschein geht es zurück ins Hotel.
Am nächsten Morgen gehe ich durch die leeren Straßen von Soho. Aus den Kopfhörern klingt Hélènes Pianospiel. Ich halte einen coffee-to-go-Becher in der Hand, schließe die Augen und schweige.