Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

16.10.2013

Andreas' Kluge Ecke

Andreas' Kluge Ecke © Universal Music GmbH Andreas Kluge c Universal Music

Liebe Klassik-Freunde, Sie kennen doch Britten? Nein, nicht den kleinen dicken schrillen Vogel aus der britischen Kultserie „Little Britain“. Ich meine BENJAMIN Britten, den vermutlich wichtigsten Komponisten, den das British Empire jemals hervorgebracht hat. Da gab’s natürlich noch den Henry Purcell, den Ralph Vaughn-Williams und manchen anderen, gewiss, aber Benjamin Britten hat sie doch alle übertrumpft. Und das auch noch als ein Komponist des 20. Jahrhunderts! Congratulations! 1913 geboren und die wichtigsten Werke nach dem 2. Weltkrieg verfasst, dann kann selbst der gute Richard Strauss nicht mithalten: der ist nämlich 1864 geboren und hat die wichtigsten Werke vor dem zweiten Weltkrieg komponiert. Das macht den Unterschied zwischen beiden.

Benjamin Britten also. Das war einer, den man sich getrost anhören kann, ohne dass einem gleich die Lust an der modernen Musik vergeht. Einer, der mit alten Vorlagen spielte und sie in seine Musiksprache übersetzte, wie etwa in „Variations & Fugue on a Theme of Purcell“ oder „The Beggar’s Opera“ nach John Gay. Einer, der frühzeitig bemerkte, dass man Kindern den Spass an der klassischen Musik vermitteln muss, wenn man sie zu mündigen Hörern erziehen und als Konzertbesucher gewinnen möchte, wie in „The Young Person’s Guide to the Orchestra“ oder „The Little Sweep“ (auch bekannt unter „Let’s make an Opera“). Einer, dem die Themen Gerechtigkeit und der Umgang mit gesellschaftlich Ausgestossenen ein zentrales künstlerisches Anliegen war, wie in seinen Opern „Peter Grimes“ oder „Death in Venice“. Einer, der sich nur beim literarisch Feinsten als Vorlage für seine Liedkompositionen bediente, wie etwa in den „Seven Sonnets of Michelangelo“ oder „Songs and Proverbs of William Blake“. Und einer, der die Kraft und Schönheit von sakraler Musik erkannte und vermitteln wollte, etwa in „Te Deum“, „Saint Nicolas“, „Rejoice the lamb“ oder „A Ceremony of Carols“. Aber er fand auch Spaß am Abseitigen wie in der Vertonung der Henry James-Schauermär „The Turn oft he Screw“ oder der Kantate „The Burning Fiery Furnace“.

In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 100. Geburtstag diesen außergewöhnlichen Komponisten und Menschen. Denn Britten bewies auch in seiner Musik seine mitfühlende Menschlichkeit, sein politisches Engagement. Sein monumentales „War Requiem“ widmete er den Opfern des deutschen Bombenangriffs auf die englische Kleinstadt Coventry, deren bei diesem Bombardement zerstörte Kathedrale nach ihrer Restaurierung am 30. Mai 1962 mit dem „War Requiem“ wieder eingeweiht wurde.  Im streng konservativ-reaktionären England jener Zeit wagte es Benjamin Britten als einer der Ersten, sich offen zu seiner Homosexualität zu bekennen. Gemeinsam mit und für seinen Lebenspartner, den Tenor Peter Pears, komponierte und brachte Britten einige seiner schönsten und persönlichsten Kompositionen zur Veröffentlichung: die „Serenade for Tenor, Horn & Strings“, die Thomas Mann-Vertonung der Novelle „Tod in Venedig“ oder das wunderbare „Nocturne“ und die „Folk Songs“. Nahezu jede große Tenorpartie in seinen zahlreichen Opern, die meisten seiner Liederzyklen sind explizit für Peter Pears komponiert und gemeinsam mit ihm zur Uraufführung gebracht worden.

Das Schöne und Besondere an dieser künstlerischen Beziehung aber ist, dass man sie bis auf den heutigen Tag musikalisch und biographisch nachvollziehen kann. Denn früh schon unterzeichnete Benjamin Britten einen Exklusivvertrag mit dem britischen Klassiklabel Decca, welches in der Folge zur diskographischen Heimat von Britten&Pears wurde. Und haben wir es hier mit dem seltenen Glücksfall zu tun, dass man auch noch Jahrzehnte nach den Uraufführungen die Stimme von Peter Pears in Brittens eigens für ihn komponierten und von Britten selbst dirigierten Werken hören kann. Sei es nun der Lysander in „A Midsummer Night’s Dream“, die Tenorparts in „War Requiem“ und der „Serenade for Tenor, Horn & Strings“, der dämonische Peter Quint in „The Turn of the Screw“, der Liedersänger in den Michelangelo-Sonetten ebenso wie den Songs and Proverbs nach William Blake. Die Anerkennung, die Benjamin Britten durch die bedeutendsten Künstlerinnen und Künstlern ihrer Zeit erfuhr, schlägt sich in den Aufnahmen seiner Werke nieder und liest sich wie das Who’s Who der damaligen Musikszene: der Pianist Svjatoslav Richter, der Cellist Mstislav Rostropovich, der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, das Amadeus Streichquartett oder die Mezzosopranistin Janet Baker, um nur einige zu nennen.

Und als hätte es dessen noch bedurft, Brittens Aktualität zu untermauern, machte vor kurzem eine Meldung die Runde, dass man in New York offenbar eine verlorengegangene Partitur von Benjamin Britten wiederentdeckt hätte. Es handelt sich dabei um eine Ballett-Komposition, deren Musik auf den von Fokine für die Choreographie von „Les Sylphides“ ausgewählten Klavierstücken von Frédéric Chopin beruht. Britten hatte sie wohl 1941 eigenhändig instrumentiert, aber sie galt bislang als verschollen. Derzeit wird die Echtheit des Autographs geprüft und vielleicht könnte man dann mit der Wiederaufführung dieser Trouvaille zum 100. Geburtstag von Benjamin Britten sogar mit einer veritablen Sensation aufwarten!

Britten lohnt sich also. Und in seinem Jubiläums-Jahr ganz besonders. Wie populär seine Musik bis auf den heutigen Tag ist, zeigen die zahlreichen Aufführungen in aller Welt, nicht nur in seinem Heimatland, welches ihn nun ganz als einen der größten Künstler anerkennt hat und feiert. Achten Sie also mal auf die Programme der Konzert- und Opernhäuser und lassen Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, vielleicht ein neues Lieblingsstück für sich zu entdecken oder aber Ihr Interesse an einem der spannendsten und produktivsten Komponisten des 20. Jahrhunderts  wecken zu lassen. Wenn Sie aber eine angeborene Scheu vor Musik des 20. Jahrhunderts haben und die „Katze nicht im Sack“ kaufen möchten – kein Problem, hören Sie doch einfach mal rein in seine Musik. Sie müssen ja nicht gleich zur COMPLETE EDITION greifen, THE MASTERPIECES tun es für den Anfang auch. Und wenn ich Ihnen einige persönliche Empfehlungen geben darf, dann achten Sie doch mal auf diese Werke auf den Programmzetteln: die Oper „The Turn oft he Screw“, das „War Requiem“, die im Konzertsaal häufig anzutreffenden Four Sea Interludes aus der Oper „Peter Grimes“ oder auch The Young Person’s Guide to the Orchestra und sein Klavier- und Violinkonzert. Sie werden es nicht bereuen, versprochen.