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15.10.2013
Riccardo Chailly

Auf Beethoven läßt Riccardo Chailly nun Brahms folgen

Riccardo Chailly, Chailly dirigiert Brahms Decca/ © Gert Mothes Riccardo Chailly

Brahms besuchte Leipzig 16 Mal als Dirigent und Pianist und er überließ dem Gewandhausorchester die Uraufführung von vier wichtigen Kompositionen – mehr als jeder anderen Stadt (außer Wien). Die Leipziger Erstaufführungen der 1., 2. und 3. Sinfonie sowie der Akademischen Festouvertüre und der Tragischen Ouvertüre dirigierte Brahms persönlich kurz nach den Uraufführungen. Bei den Leipzig-Premieren seiner beiden Klavierkonzerte saß er als Solist am Klavier.

Text: Andreas Kluge | Foto: Gert Mothes / Decca

Brahms und Leipzig – das war jedoch nicht immer eine Liebesbeziehung. Bis sich der Komponist nach seinem ersten Besuch 1853 unverrückbar ins Kernrepertoire der Gewandhaus-Konzerte einschrieb, vergingen fünfzig Jahre voller Höhen und Tiefen. Brahms Leipziger Erfahrungen spiegeln seinen Kampf um Wertschätzung in der Musikwelt, sein Zerrieben-Werden zwischen „Konservativen“ und „Neudeutschen“, zwischen Publikumsgeschmack und Innovation. Doch spätestens ab Ende der Siebziger Jahre gerieten die Aufführungen seiner Werke in Leipzig zu triumphalen Erfolgen.

Brahms Aufenthalte in Leipzig (der letzte fand 1896 statt) fallen zeitlich zusammen mit Entwicklungen in der Leipziger Musikszene, die nicht zuletzt durch die kontroverse Rezeption seines Werkes in Leipzig angestoßen wurden: Die Übernahme der Gewandhauskapellmeister-Position durch Arthur Nikisch (1895), zwei Jahre vor Brahms Tod, war ebenfalls ein Ergebnis dieser Entwicklung, die das Gewandhaus und sein Orchester schließlich ins zwanzigste Jahrhundert katapultierte. Nikisch läutete nicht nur eine neue Ära des Leipziger Konzertlebens ein, sondern bescherte Brahms einen bis heute zentralen Platz im Gewandhausorchester-Repertoire.
Über diese Bedeutung für die Musikstadt Leipzig hinaus war „Brahms der Fortschrittliche“ (Arnold Schönberg) wichtig für nachfolgende Komponisten-Generationen. Seinem Schaffen wohnten nämlich erhebliche fortschrittliche Elemente inne, die den Weg ebneten zur weitgehenden Befreiung aus dem Schatten Beethovens.

Der Leipziger Brahms-Zyklus des Jahres 2013 macht in den Interpretationen von Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly das Sinnliche und das Fortschrittliche in Brahms Musik gleichermaßen erfahrbar. Die herausragenden Solisten des Zyklus sind Leonidas Kavakos (Violine), Enrico Dindo (Violoncello), Arcadi Volodos, Pierre-Laurent Aimard (Klavier) Leipzig 1853. Leipzig wächst innerhalb von 50 Jahren bis zur Jahrtausendwende um fast eine halbe Million Einwohner. Private Orchestergründungen und Musikvereine machen dem Gewandhaus und seinem Orchester Konkurrenz: Günstige Preise, abwechslungsreiche Programme und beispielhafte Aufführungen erfüllen die Bedürfnisse des wachsenden Publikums aus dem Mittelstand besser als es das Gewandhaus vermag, das allerdings finanziell erfolgreicher tätig war als die Konkurrenten und international einen bedeutenden Namen hatte.
Seit sechs Jahren ist Mendelssohn tot und seine Nachfolger Ferdinand David, aber vor allem Carl Reinecke (seit 1854/55), geraten unversehens in die erbittert und öffentlich ausgetragenen Grabenkämpfe zwischen den beiden Ästhetik-Lagern „Konservative“ und „Neudeutsche“ (Liszt, Berlioz, Wagner). Carl Reinecke und die Gewandhaus-Direction begegneten den neuen musikalischen Tendenzen zögerlich, was dem Ruf des Gewandhauses nicht förderlich war und vor allem Gewandhauskapellmeister Reinecke bis heute den Vorwurf einer glücklosen, künstlerisch mittelmäßigen Amtszeit einbrachte. In dieser Situation kommt Johannes Brahms zum ersten Mal nach Leipzig (1853). Zwölf Mal kehrt er als Pianist und Dirigent zurück. Unter den großen Komponisten der Welt ist er einer der am häufigsten in Leipzig gesehenen Künstler.

Als Pianist und Komponist bietet er den musikalischen Akteuren der Stadt reichlich Zündstoff, was schnell zu seelischen Verletzungen bei Brahms führte: Das Leipziger Debakel um sein durchgefallenes 1. Klavierkonzert im Jahr 1859 war bis dahin Brahms schwerste künstlerische Niederlage, die sein Verhältnis zu Leipzig (und umgekehrt) auf etliche Jahre hinaus belastet. Größere und kleinere Seitenhiebe, die er noch nach Jahrzehnten in seinen Briefen in Richtung Gewandhaus und Publikum austeilt, zeugen beredt davon.

Mitte der Siebziger Jahre, mit der Gewandhaus-Erstaufführung der 1. und 2. Sinfonie, erwachte jedoch auch in Leipzig auf breiter Basis die Erkenntnis, dass man an Brahms nicht mehr vorbei kommt. Die Gewandhaus-Direction verstärkte ihr Werben um seine Gunst und die Stadt bot ihm sogar das Amt des Thomaskantors an. Nachweislich geschmeichelt, lehnte er das Amt jedoch nach reiflicher Überlegung ab.

Brahms´ in die Moderne weisende Kunst verstört die Leipziger zunächst, Gewandhauskapellmeister Reinecke findet nicht leicht Zugang zu seiner Musik und das „Neudeutsche“ Lager ätzt in seinen Gazetten vernichtend.
Erst der langsam einsetzende Wandel im Feuilleton und in den Musikzeitungen trägt in Leipzig mit dazu bei, das Blatt zu Brahms Gunsten zu wenden: Die Zeitungen beurteilen immer weniger Stile und Eigenarten von Komponisten, sondern zunehmend die Solisten und ihre technische sowie interpretatorische Bewältigung der Werke auf der Bühne. Damit rücken plötzlich exemplarische Brahms-Aufführungen und die Dirigate von Arthur Nikisch (damals Kapellmeister des Leipziger Theaters) in den Mittelpunkt des Interesses.

Vermutlich aufgrund seiner Skepsis gegenüber den Probenbedingungen ließ Brahms das Gewandhausorchester keine seiner Sinfonien aus der Taufe heben. Diese Zurückhaltung erfüllt die Gewandhausdirektionen bis zum heutigen Tag mit großem Bedauern. Dafür standen vier andere Werke seines Ouevres zum ersten Mal in Leipzig auf den Pulten: Die Klaviersonate C-Dur op.1 wird am 17.12.1853 uraufgeführt, am 5.2.1874 die Orchesterfassung der 3 Ungarischen Tänze WoO 1 und an Neujahr 1879 das Violinkonzert D-Dur op. 79 sowie die Uraufführung der vollständigen Fassung des „Deutschen Requiems“ am18.2.1869.

Von der vernichtenden Erfahrung, als „drei Hände versuchten, langsam ineinander zu fallen“ (nach der Aufführung des 1. Klavierkonzerts 1859) bis zum „öffentlichen Brahms-Cultus“ (nach der Aufführung der 3. Sinfonie) sollten einige Jahrzehnte vergehen bis Johannes Brahms in Leipzig zuletzt doch noch als „der bedeutungsvollste Componist der Gegenwart“ verehrt wird.

An Johannes Brahms kristallisieren sich Entwicklungen in Leipzig, an deren Ende Arthur Nikisch 1895 das Amt des Gewandhauskapellmeisters übernimmt, der Brahms als feste Größe im Repertoire durchsetzt und der das Gewandhaus und sein Orchester in eine neue Zeit führen sollte.

Die Wogen um den sensationellen, 2012 ECHO Klassik-prämierten  Beethoven-Zyklus von Riccardo Chailly mit dem Gewandhausorchester Leipzig haben sich kaum geglättet, da legt der charismatische Gewandhauskapellmeister nach:  sein neuestes Projekt ist Johannes Brahms gewidmet und die 4 Symphonien sowie das Violinkonzert mit dem Solisten und ECHO Klassik-Preisträger 2013, Leonidas Kavakos sind nun veröffentlicht. In Grossbritannien wurde dieser Brahms-Zyklus soeben vom legendären Klassik-Magazine GRAMOPHONE zum „Record oft he Month“ gekürt.