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25.07.2013

Mehr als Mittelalter – Das Ensemble Belcanto singt „Ordo Virtutum“

Ensemble Belcanto, Mehr als Mittelalter – Das Ensemble Belcanto singt Ordo Virtutum Ensemble Belcanto, Hildegard von Bingen: Ordo Virtutum

Das Frankfurter Ensemble Belcanto ist bekannt für seine herausragenden Interpretationen zeitgenössischer Musik. Sein musikalischer Horizont endet aber nicht bei der Kunst der Gegenwart. Seit rund zwei Jahrzehnten beschäftigen sich Dietburg Spohr und ihr Team beispielsweise auch mit der Kunst von Hildegard von Bingen. Die Aufnahme von deren Hauptwerk „Ordo Virtutum“ für ECM New Series ist nun ein Resultat dieser Auseinandersetzung.  

Hildegard von Bingen war eine ungewöhnliche Frau, eine Universalgelehrte, die sich neben der praktischen Theologie als Äbtissin in dem von ihr gegründeten Kloster Rupertsberg und theoretischen, philosophischen Themen auch mit Fragen der Biologie, Medizin und der Musik auseinandersetzte. Die Kirche hatte lange Schwierigkeiten damit, sie als eine wichtige Persönlichkeit ihrer Geschichte anzuerkennen. Nachdem Hildegard von Bingen am 2012 heiliggesprochen worden war, erklärt Papst Benedikt XVI sie zur Kirchenlehrerin, die vierte Frau in diesem Status, und stellt sie damit auf eine Ebene mit Augustinus, Albertus Magnus, Gregor dem Großen oder Isidor von Sevilla. Im Volk und für viele Gelehrte galt sie aber auch schon seit Lebzeiten als prägende Gestalte des mittelalterlichen Wissen. Zahlreiche theologische Schriften, Codices über Pflanzen und Krankheiten, darüber hinaus viele musikalische Werke untermauern diese Bedeutung.

Ein ungewöhnliches Werk

„Ordo Virtutum“ gilt als musikalisches Hauptwerk von Hildegard von Bingen. So wie sich die Ordensfrau in ihren theologischen Schriften grundlegend mit den Fragen der menschlichen Verfasstheit beschäftigte, so ist auch dieser Liederzyklus eine profunde Erkundung des Seelenkampfes des einzelnen im Zusammenhang mit seinem Glaubensweg. Es ist geistliche Musik, die aber, untypisch für ihre Zeit, nicht an die Liturgie gebunden ist, sondern auf philosophischer Basis theologische Fragen erörtert. Akteure dieses klingenden Psychodrams sind allegorische Gestalten, die „Tugenden“, die im Widerstreit mit den Verlockungen und Verführungen des Teufels sich um den Denkenden, Glaubenden bemühen. Sie weisen in Form einer zyklisch und zugleich dialogisch aufgebauten Abfolge der Lieder in Richtung des geistlichen Theaters, auch das eine außergewöhnliche Form in der Klangwelt des Mittelalters.

Interpretation und Weiterführung

Für Dietburg Spohr besteht der besondere Reiz von „Ordo Virtutum“ nicht nur in der letztlich revolutionären Konzeption der mittelalterlichen Vorlage, sondern auch in den Freiheiten, die sich daraus ergeben. Zusammen mit ihrem 1986 gegründeten Ensemble Belcanto interpretiert die Mezzosopranistin einerseits die Musik nach den Vorgaben des Notentextes, ergänzt sie aber behutsam durch zeitgenössische Vokalelemente. Das Ergebnis ist eine rundum ungewöhnliche Aufnahme, die im Oktober 2010 in der Frankfurter Festeburgkirche entstand und nun bei ECM New Series veröffentlicht wird. Dietburg Spohr gelingt es, den visionären Geist von Hildegard von Bingen einzufangen, ihn in die Kunst der Gegenwart weiterzuführen und zugleich allen esoterischen Ballast hinter sich zu lassen, der das Oeuvre der Ordensfrau in der Rezeption häufig umgibt. Ein Meilenstein.