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20.06.2013
Keller Quartett

Eckpunkte des Zeitgenössischen - das Keller Quartett spielt Ligeti und Barber

Das ungarische Keller Quartett gehört zu den wandlungsfähigsten Ensembles seines Genres. Und die aktuelle Aufnahme bei ECM New Series spannt den Bogen noch etwas weiter: von Barber zu Ligeti.

Keller Quartett, Eckpunkte des Zeitgenössischen - das Keller Quartett spielt Ligeti und Barber @ ECM Records Keller Quartett, György Ligeti und Samuel Barber

Als György Ligeti vor mehr als 40 Jahren sein zweites Streichquartett schrieb, wäre es nicht möglich gewesen, es zusammen mit Samuel Barbers Adagio in ein Programm zu nehmen. Zu verschieden wären die musikalischen Welten den Zeitgenossen erschienen: Auf der einen Seite einer der Protagonisten der Neuen Musik, der ausgehend von Anton Webern und skeptisch der vorhandenen Tonsprache gegenüber Klanglandschaften, Spannungen, Kontraste radikal erforschte; auf der anderen ein Klassiker des Populären, der Experimente weitgehend vermied, bewährte Harmonien und Akkord-Zusammenhänge bevorzugte und damit zu einem der Vorreiter der Neoromantik des 20. Jahrhunderts avancierte. Damals, in den späten Sechzigern, als sich die musikalischen Lager noch gegenüberstanden, wäre der Stilkonflikt zu groß gewesen. Aber die Zeiten ändern sich und machen neue Verknüpfungen möglich, sogar sinnvoll.

Einheit und Gegensätze

Tatsächlich ändert die Distanz die Perspektive. Als Samuel Barber 1936 sein erstes Streichquartett schrieb, war er selbst bereits unzeitgemäß. Denn längst hatten Experimente von Webern bis Schönberg die Musikwelt erschüttert und die bisherigen Klangzusammenhänge in Frage gestellt. Der zweite Satz des Streichquartetts allerdings, das Adagio, wurde in seiner Orchesterbearbeitung trotzdem zu einer der Hymnen seiner Zeit und durch die Anlässe, bei denen es gespielt wurde, mit zusätzlicher Bedeutung gefüllt - von den Beerdigungen amerikanischer Präsidenten bis hin zur Trauerzeremonie für die Opfer von Nine-Eleven. Damit eignet sich das Stück als tonales Bindeglied zwischen den beiden Streichquartetten von Györgi Ligeti, die ihrerseits die Grenzen der klassisch kammermusikalischen Besetzung ausloten.

Skepsis als Prinzip

György Ligeti wiederum waren Gewissheiten suspekt. Im Unterschied zu anderen Komponisten seiner Epoche antwortete er darauf aber nicht mit der Setzung eigener Normen, sondern mit der ständigen Relativierung musikalischer Erkenntnisse. Das macht es für das Keller Quartett zu einem Energie-Erlebnis, die beiden sehr unterschiedlichen Streichquartette zu spielen. Weitab von der Tonalität Barbers werden Texturen, Schwebungen, aufbrandende Tonkaskaden, extreme Dynamikunterschiede, feine Binnendifferenzierungen, kurz - das nahezu gesamte Spektrum der gestalterischen Klangsprache aufgerufen und zusammen mit dem emphatischen Bindeglied zu einem Programm kombiniert, das vor Spannung nur so knistert. Das ist der Vorteil der Interpretation aus der Warte der zeitlichen Distanz: Sie kann Musik aus sich selbst heraus verstehen und daraus ein größeres Ganzes werden lassen. Und mit einem Mal passen Barber und Ligeti doch zusammen.