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14.05.2013
Richard Wagner

Das Jubiläum zweier Antipoden

Richard Wagner, Verdi und Wagner © Universal Music Wagner, Verdi 2013

Die Spatzen pfeifen es von allen Dächern: 2013 feiert die Musikwelt (und nicht nur die!) ein monumentales Doppel-Jubiläum. Monumental, weil beide Jubilare wie Granitblöcke als Meilensteine der Musikgeschichte dastehen: der Italiener Giuseppe Verdi und der Deutsche Richard Wagner.
Beide haben ihre Kunst der Gattung Oper gewidmet (was nicht heißt, dass sie nicht hier und da auch einmal ihr ureigenstes Terrain verlassen und andere Genres ausprobiert haben mit, zugegeben, mehr oder weniger Erfolg. Denn ihr künstlerisches Zuhause war nun einmal die große Oper.

Text: Andreas Kluge | Foto: Universal Music

Während der Italiener sich peu à peu aus den Schuhen seiner Lehrmeister und Wegbereiter befreite, um auf dem Höhepunkt seiner kompositorischen Karriere ein Meisterwerk nach dem anderen zu schreiben, gelang dem anderen recht schnell der Sprung in die eigene, unverwechselbare Musiksprache. Abgesehen von einigen Frühwerken stellte er die Weichen für seine Revolutionierung der Musiksprache in der Oper bereits mit seinem „Fliegenden Holländer“, verfeinerte das musikalische Idiom mit „Lohengrin“ und stieß die Tür zu Ungehörtem, für viele gar Unerhörtem mit „Tristan und Isolde“ auf.

Während der eine, Verdi, in genialischem aber immer bescheidenem Stil Opern verfasste, die seinen Landsleuten die Tränen in die Augen trieben, die unter der Bevölkerung gar zum politischen Fanal wurden oder sich großer Weltliteratur als Vorlage bedienten, verstand sich der andere in genialischer aber nahezu größenwahnsinniger Attitüde als Universalgenie, der zum Zwecke der Schöpfung des Gesamtkunstwerkes nach antikem Vorbild als Librettist und Komponist in Personalunion fungierte.

Die Vorlagen für seine Werke wiederum fand er in germanischen Sagen, heidnischen wie christlichen Mythen und ihn bewegt zeitlebens die Frage nach der Rolle der Frau, die sie im Leben eines Mannes spielen sollte. (Bis auf den heutigen Tag ein gern unter Freudschen Gesichtspunkten betrachtetes künstlerisches und biographisches Problem Richard Wagners.) Und schließlich, auf dem Gipfel seiner Berühmtheit, auch noch in dem eigens für seinen überdimensionalen, für einen Vorabend und drei Tage konzipierten Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ erbauten Bayreuther Festspielhaus als sein eigener Regisseur.

Kein Wunder, dass so viel Genie bisweilen hart an die Grenze zum Wahnsinn gelangte und nicht wenigen war der kleine, gerade einmal 1,66 Meter große Wagner in höchstem Maße suspekt. Kollegen bewunderten und verspotteten ihn, aber kaum einer seiner berühmten Zeitgenossen ließ es sich nehmen, nach Bayreuth, auf den Grünen Hügel zu pilgern, um dort das Gesamtkunstwerk der Zukunft mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören. Anton Bruckner, Camille Saint-Saens und Piotr Tschaikowsky waren 1876 zur Eröffnung nach Bayreuth gekommen, Giuseppe Verdi indes wurde bis zu seinem Lebensende dort nicht gesehen. Obwohl die italienische Musikpresse ihm in seinen späteren Jahren immer wieder Wagnersche Einflüsse attestierte (oder unterstellte, je nachdem), blieb Verdi sich und seinem eigenen, gänzlich originären Stil treu.  Mit seiner letzten Oper, „Falstaff“, lange nach Wagners Tod komponiert und uraufgeführt, erreichte Giuseppe Verdi den Gipfelpunkt seiner stets der Italianità verpflichteten Musiksprache.

Den kompositorischen Schaffensweg beider Komponisten einzeln, jeden für sich betrachtet, und vergleichend nachzuvollziehen ist ein reizvolles Unterfangen, und im Jubiläumsjahr beider 1813 geborener Komponisten natürlich ein besonderes Vergnügen. Mit den beiden Editionen „Verdi – The Complete Works“ und „Wagner: The Operas“ leisten die beiden wichtigsten Klassiklabels Deutsche Grammophon und Decca nicht nur einen substanziellen diskographischen Beitrag zu den beiden Jubiläen, sie liefern auch die Grundlage für die intensive Beschäftigung mit den Oeuvres beider Jubilare.

Für Opernfans ein unverzichtbares must have, für Einsteiger die idealen Werk-Sammlungen der beiden größten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, für Sammler zwei Paradestücke in ihrer Collection und für jeden Bücherwurm die optimale Ergänzung zum – selbstredend – scheint’s unendlich vielfältigen Angebot an mono- und biographischer Literatur jedweder Couleur. Das meiner Meinung nach beste und bislang unübertroffene Buch zu Richard Wagner und seiner Zeit ist die bereits 1990 erschiene und viel diskutierte Monographie von Martin Gregor-Dellin „Richard Wagner: Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert“.  Bei Giuseppe Verdi indes würde ich, aller künstlerischer Freiheiten zum Trotz, zu einer exzellenten biographie romancier raten: Franz Werfels „Verdi. Roman der Oper“.