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11.12.2012

Andreas’ Kluge Ecke

Andreas’ Kluge Ecke © Universal Music GmbH Andreas Kluge c Universal Music

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber manchmal brauche ich einfach etwas Großes, will sagen Monumentales, schlichtweg Überwältigendes. Dann reicht mir kein einzelnes Klavier, wie berühmt dessen Spieler auch sein mag. Auch keiner noch so schönen Stimme gelingt es, dieses Bedürfnis nach Eintauchen in mächtige Klangwogen zu befriedigen. Oder in modernem Wortlaut gesprochen: hin und wieder muss es einfach ein richtig fetter Sound sein!

Zu meiner großen Erleichterung bietet mir die Musikgeschichte hier eine reiche Auswahl zur Befriedigung dieser meiner Gelüste. Und ich spreche hier nicht einmal von Wagners Monumentaldramen, Berlioz’s überdimensioniertem Requiem oder Meyerbeers pracht- und machtvollen Operntableaus. Wer es in seinen Ohren einmal, wohlgemerkt ganz und gar klassisch!, so richtig krachen lassen will, der findet sogar schon in der Barockmusik geeignetes „Futter“. Denn selbst mit dem einstmals so geschmähten, weil angeblich nur zirpenden und kratzenden historischen Instrumentarium kann man einen Sound erzeugen, der einen glatt vom Hocker haut.

Hören Sie sich doch nur einmal die Messe in 40 Stimmen von Alessandro Striggio an und stellen Sie sich dabei vor, Sie stünden im römischen Petersdom oder in St. Paul’s Cathedral: wenn man sich dieses pompöse Sängerfest dann auch noch vor gut 400 Jahren aufgeführt denkt, bekommt man einen Eindruck von der emotionalen Wirkung auf die Menschen der damaligen Zeit!

Wer’s dagegen gern etwas moderner hätte, darf sich an der musikalischen Spätromantik schadlos halten.  Denn fast möchte man meinen, das olympische Motto von „höher, schneller, weiter“ wäre kurzerhand variiert worden zu „größer, lauter, länger“.  Von Alexander Skrjabins leider nur in Fragmenten und Skizzen erhaltenem Epos Preparation for the Final Mystery einmal ganz abgesehen, reicht mir schon eine gute Aufführung von Gustav Mahlers 8. Symphonie, gern auch als „Symphonie der Tausend“ bezeichnet, um in Fragen von Größe, Lautstärke und musikalischer Gewalt  keinerlei Wünsche offen zu lassen. Und wenn wir schon bei der Spätromantik sind: Arnold Schönbergs - jawohl! - leider viel zu selten, weil viel zu aufwändig zu produzierende Kantate Gurrelieder lassen bei guter Akustik und temperamentvoller Interpretation quasi die Decke eines jeden Konzertsaals erbeben. Und das Trommelfell sowieso.

Dass Klangwellen auch durchaus etwas  körperlich Spürbares sind, konnte man denn auch jüngst in der Berliner Philharmonie erfahren, als man sich am 1. Mai an das Riesenunterfangen wagte, Walter Braunfels‘ gigantische Grosse Messe aufs Programm zu setzen – für einen temporären Klangfetischisten wie mich nachgerade die reinsten Saturnalien. Leider wird man wohl auch hier wie bei den anderen genannten Werken lange auf die nächste Live-Aufführung warten müssen. Dies ist nun auch die Crux an meinen rauschhaften musikalischen Exzessen: man bekommt sie nur unterdosiert im täglichen Konzertleben zu hören und muss daher auf die Konserve ausweichen. Das Gute daran: alle diese Monumentalwerke liegen in exzellenten Aufnahmen vor und wenn einem danach ist, kann man sich ja die Kopfhörer aufsetzen und den Lautstärkeregler nach Bedarf und akustischer Erträglichkeit aufdrehen. Weniger zu empfehlen, weil durchaus riskant fürs gutnachbarliche Miteinander, ist allerdings das Abspielen über die Wohnzimmer-Lautsprecher. Aber wer weiß, wenn einen mal so richtig der missionarische Eifer packt…