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Artikel

22.11.2012
Rolando Villazón

Mensch Verdi

Zu seinem 200. Geburtstag feiert Rolando Villazón Giuseppe Verdi mit einer außerordentlichen CD. Neben den großen Arien steht der private und menschliche Komponist im Vordergrund. Eine persönliche Entdeckungsreise in Verdis verborgene Welt der Leidenschaft von einem leidenschaftlichen Tenor. Rolando Villazón sucht nicht weniger als den „totalen Verdi“.

Text: Axel Brüggemann | Fotos: Gabo

Die Musik von Giuseppe Verdi ist für Rolando Villazón Privatsache – eine Herzensangelegenheit. Der Tenor fühlt sich zu Hause in der emotionalen Welt des Komponisten. Kein Wunder, dass er zum Verdi-Botschafter ernannt wurde. Er hat als Germont in „La Traviata“ gelitten, als „Don Carlo“ die Freundschaft gefeiert und nun auch noch die Arie über die flatterhaften Frauen, „La donna e Mobile“, aus „Rigoletto“ aufgenommen. „Verdi kennt all unsere Gefühle“, schwärmt Villazon, „spitzt sie dramatisch zu und zeigt uns in seiner Musik unsere eigene, dunkle Seele.“ Villazons Viva-Verdi-CD zum 200. Geburtstag des Komponisten ist eine persönliche Spurensuche, bei der es dem Tenor um den „totalen Verdi“ geht, um den Musiker, den Menschenkenner und den Mann, der die Massen bis heute begeistert.

Das war schon zu Verdis Lebzeiten so. Die Menschen haben mit seinen Chören die Einheit Italiens erkämpft, und als Verdis rechte Körperhälfte 1901 gelähmt war, zogen hunderte Journalisten vor sein Hotel in Mailand und telegrafierten stündlich den Gesundheitszustand des Komponisten in die Welt. Der Trauerzug für Giuseppe Verdi war einer der größten Massenversammlungen Italiens. Noch heute lebt seine Musik nicht nur auf der Opernbühne, sondern wird in Hollywood ebenso geschätzt wie in der Werbung – Verdi war ein Volkskomponist und ist es auch geblieben.

Auf seiner CD unternimmt Rolando Villazón eine Reise in Verdis wahre Welt und sucht nach dem Geheimnis seines Erfolges. Dabei ist er sicher: „Verdi wurde deshalb von seinen Zeitgenossen geliebt, weil er selbst die Menschheit selbst so unendlich geliebt hat. In Verdis Musik erleben wir emotionale Kosmen – und jede dieser Welten kennen wir, weil sie auch in uns selbst zu Hause sind“, sagt der Tenor, „Liebe, Hass und Leidenschaft.“ Villazón ist sicher: „Deshalb haben Verdis Zeitgenossen seine Musik in den Gassen gesungen, und deshalb singen wir sie bis heute auf den Opernbühnen, im Radio und im Fernsehen. Verdi ist Existenz in Noten!“ Bewusst hat sich Villazón nicht allein auf die großen Arien und Gassenhauer des italienischen Genies konzentriert, sondern spürt dessen Sprache der Herzen in allen Phasen seines Lebens und in allen Stilen seiner Kompositionen auf.

Wenn Rolando Villazón auf Giuseppe Verdi trifft, unternimmt er eine Reise durch die bewegte Vita des Mannes aus einfachen Verhältnissen, der die Politik Italiens mitbestimmt hat, der ein Star der europäischen Metropolen war und trotzdem auf seinem Landsitz in Buseto, umgeben von Bauern und einfachen Menschen, zu Hause war. „Mir geht es nicht darum, Verdi allein in seinen bekannten Arien zu feiern“, sagt Villazón, „mich interessieren auch die heute zu Unrecht vergessenen Stücke, die einzelnen Schritte, die Verdi zu dem gemacht haben, was er bis heute ist: zum größten aller Komponisten.“

Und so führt die CD von Arien aus den ersten Verdi-Opern wie „Oberto“ über seine oft vernachlässigten Lieder bis zu seinem letzten Menschheitswerk, dem „Falstaff“. „Meine Idee war es, Verdi mit all seinen Facetten vorzustellen“, sagt Villazón, „nicht nur die Hits, die jeder kennt, sondern auch die Lieder und Arien, die wir neu entdecken können. Ich bin sicher: Bei allen Stücken reichen drei Minuten, um zu sagen: ‚Verdi ist der Beste’“.

Auch für den Dirigenten der Aufnahme, Gianandrea Noseda, der das Orchestra des Teatro di Torino dirigiert, steht Villazóns musikalische Reise durch das Leben Verdis im Vordergrund: „Mit Rolandos Idee gelingt es uns, Verdis musikalischen Weg zu verfolgen – wir verstehen, wie er allmählich seine eigene Stimme gefunden hat. Und wir merken schnell, dass die frühen Opern den späten Werken oft in nichts nachstehen. Dass Verdi oft zu alten Ideen zurückgekehrt ist, um sie fortzuführen. Dass ein Großteil seines musikalischen Materials schon früh angelegt war. Alles bei ihm ist ein Wachsen – eine Idee führt zur nächsten. Erst so können wir den ganzen Verdi verstehen!“ Seine Zeitreise führt Rolando Villazón von den frühen Verdi-Opern wie „Il Cosaro“, „I Lombardi“,„Oberto“ und „Due Foscari“ zu den großen Werken wie „Don Carlo“, „La Traviata“, „Rigoletto“ und „Falstaff“. Gleichzeitig wählt der Tenor immer wieder musikalische Seitenpfade und spürt akribisch Verdis innere Seele auf. Unter anderem singt Villazón die Tenorarie des „Requiems“ „Ingemisco“, von der er sagt: „Sie ist ein zentrales Stück in einem der wichtigsten spirituellen Werke – und Verdi zeigt, dass seine Liebe zu den Menschen letztlich auch seine Ehrfurcht vor der Schöpfung ist.“

Ein weiteres Highlight sind die Lieder Verdis, die vom großen italienischen Komponisten Luciano Berio neu eingerichtet wurden. „In solitaria stanza“ oder „L’esule“ zeigen, wie Verdi aus der Kammermusik seine großen Opern entwickelt hat. „In vielen diese Lieder hört man schon den ‚Troubardour’ oder ‚Aida’“, schwärmt Villazón, „Verdi kehrte immer wieder zurück zu seinen Skizzen, schrieb sein ganzes Leben lang in dieser kleinen Form und ließ sich immer wieder von seinen eigenen Ideen inspirieren.“ Für den Tenor sind die kleinen Lieder eine große Entdeckung: „Vielleicht haben diese formal sparsamen Ideen zu den großen Opern-Ölgemälden geführt – sicher ist, dass sie innerhalb von drei Minuten ein großes Drama erzählen, das an Emotionalität und Leidenschaft nichts zu wünschen übrig lässt.“

Villazóns Verdi ist nicht nur ein Komponist, der die Operngeschichte revolutioniert hat, etwa indem er mit „La Traviata“ eine Kurtisane in der italienischen Gegenwart holen wollte, sondern auch ein politischer Revolutionär, der für die Einheit seiner Heimat kämpfte. Im Vordergrund steht für Villazón aber der Mensch Giuseppe Verdi: „Ich weiß nicht, ob sein Leben selbst eine Oper war. Ich weiß aber, dass er ein Mann der Leidenschaft war. Davon zeugen die über 15.000 Briefe, die Verdi geschrieben hat. Und natürlich hat er immer wieder seine eigene, private Situation und seine Beobachtungen überhöht, um sie in allgemeingültige Noten zu gießen. Deshalb sind seine Werke uns so nahe: Weil sie mitten aus dem Leben kommen. Aus Verdis Leben – und aus unserem Leben.“ Nichts wünscht sich der Tenor mehr, als den Komponisten zu seinem 200. Geburtstag Gerecht zu werden – und am liebsten würde er ihm persönlich gratulieren. „Ich würde Verdi so gern fragen, wie ich meine Stimme am besten in seinen Dienst stellen kann“, sagt Villazón, „Und vielleicht würde ich ihn am Ende bitten, die CD zu unterschreiben. Wahrscheinlich würde er mich dann fragen: ‚CD – was ist das?’.“