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08.11.2012

Dichtung und Wahnsinn - Christian Reiner liest letzte Gedichte von Friedrich Hölderlin

Christian Reiners „Turmgedichte“ ist nach „Hölderlin gelesen von Bruno Ganz“ (1989) und dem Hörbuch „Scardanelli“ (2004) die dritte Veröffentlichung auf ECM New Series, die sich mit dem Schaffen des großen Lyrikers Friedrich Hölderlin auseinandersetzt.

Christian Reiner, Dichtung und Wahnsinn © Franz Karl Hiemer Friedrich Hölderlin - Pastell aus dem Jahr 1792

Im Alter von 37 Jahren, in der Mitte des Lebens, wird Friedrich Hölderlin 1807 als unheilbar geisteskrank aus einem Tübinger Klinikum entlassen und in die Obhut eines ortsansässigen Tischlermeisters gegeben. In dessen Stadtturm am Neckar verbringt der Dichter die gesamte zweite Lebenshälfte als Kostgänger. Fast vier Jahrzehnte lang dämmert er in einem bescheidenen Erkerzimmer mit einem Bett und ein paar Büchern dahin. Wenn Hölderlin nicht hochstilisierte Briefe schreibt oder Gedichte verfasst, unterhält er sich gerne damit, „halbe Tage lang [...] Gras auszureißen“ oder „daß er ein Schnupftuch in die Hand nimmt, und auf die Zaunpfähle damit zuschlägt“, wie Hölderlin-Biograph Wilhelm Waiblinger berichtet. Besuchern stellt er sich mit Fantasienamen wie „Killalusimeno“, „Buonarotti“ oder „Rosetti“ vor. Ab 1837 unterschreibt er seine Gedichte mit „Scardanelli“ und fiktiven Datumsangaben.

Radikal gewandeltes Spätwerk

Die während der Turmjahre entstandenen Gedichte unterscheiden sich deutlich von Hölderlins früheren Werken. So verzichtet der Lyriker nun völlig auf antike Versmaße, verwendet häufig Reime und setzt auf sprachliche Schlichtheit. Seine Themenwahl beschränkt sich weitgehend auf die Natur, Jahreszeiten oder die Aussicht. Dem Subjektivismus seiner Zeit setzt Hölderlin den konsequenten Verzicht auf ein lyrisches Ich entgegen. Anlass für ein neues Gedicht gibt häufig ein Besucher. Immer wieder wird Hölderlin gebeten, „ein Paar Zeilen zum Andenken“ zu schreiben. Auf Wunsch Johann Georg Fischers, dem der Dichter zuvor die Wahl aus den Themen Griechenland, Frühling und Zeitgeist überlässt, entsteht „Zeitgeist“. Und für sein vermutlich letztes Gedicht „Die Aussicht“ benötigt er lediglich 12 Minuten. Sind Hölderlins frühere Autographen oft mit Korrekturen übersät, entstehen sie nun vielfach auf Zuruf und scheinbar leichthin.

Neue Deutungsversuche

Friedrich Hölderlins späte und späteste Lyrik wurde lange Zeit als Begleiterscheinung seiner psychischen Erkrankung ignoriert. Erst in den 1960er Jahren setzte eine genauere Erforschung des Spätwerks ein. Seither entwickelte die Literaturwissenschaft eine Reihe neuer Deutungsansätze. So betont Bernhard Böschtenstein, dass „Geisteskrankheit und gültige Poesie einander keineswegs auszuschließen brauchen“, während Christian Oestersandfort das Pseudonym „Scardanelli“ als „Künstlerkonfiguration einer Dichtung der Bescheidenheit“ deutet. Winfried Kudszus wertet das Spätwerk als Neuanfang, den Hölderlin angesichts der Konfrontation mit den Grenzen seiner sprachlichen Möglichkeiten unternahm. Und Michael Franz und Dietrich Sattler etwa sehen die letzten Gedichte als Ausdruck einer „wiedererlangten Kindheit“, den Endpunkt einer bis dato „in ihrer Radikalität nicht vorstellbare[n] Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten“, um nur einige Theorien anzudeuten.

Behutsame Annäherung

Der Schauspieler, Stimm- und Sprechkünstler Christian Reiner, dessen Arbeiten häufig im Zwischenbereich von Sprache und Musik angesiedelt sind, rezitiert auf „Turmgedichte“ 25 der letzten Gedichte Friedrich Hölderlins. Das von ECM New Series präsentierte Albumprojekt geht aus dem Programm „Mit Unterthänigkeit Scardanelli“ hervor, in dem Reiner Hölderlin-Gedichte vorträgt und begleitet von Kontrabassist Christian Weber Fragmente von Wolf Wondratschek und Ernst Hebeck als Ausgangsmaterial für weitläufige Improvisationen nutzt. Auf der im Januar 2012 von Manfred Eicher und Wolf Wondratschek gemeinsam produzierten Aufnahme wagt Christian Reiner eine Annäherung an das rätselhafte Spätwerk Friedrich Hölderlins, die zugleich von Behutsamkeit und großer Ausdruckskraft geprägt ist.