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29.10.2012

Egberto Gismonti, Jan Garbarek & Charlie Haden - Erinnerungen an ein magisches Trio

Ähnlich begeisterte Stimmen, wie sie nach der Veröffentlichung von “Sleeper” zu hören waren, dürfte nun “Carta de Amor” hervorrufen, ein weiteres Live-Doppelalbum mit nie zuvor gehörten Aufnahmen von Egberto Gismonti, Jan Garbarek und Charlie Haden.

Jan Garbarek, Erinnerungen an ein magisches Trio © Jan Henri Thijs Charlie Haden und Egberto Gismonti beim Jazzfest Montreal 2001

Drei große Namen des Jazz mit einer bisher unveröffentlichten Live-Aufnahme. Anfang der 1980er Jahre feierten Egberto Gismonti, Jan Garbarek und Charlie Haden als “Magico”-Trio riesige Erfolge - sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik. Jetzt kann man auf dem Live-Doppelalbum “Carta De Amor” erleben, wie der brasilianische Gitarrist/Pianist, der norwegische Saxophonist und der US-amerikanische Bassist zusammen berauschend kreative Musik entstehen lassen. Der dokumentierte Auftritt im Münchner Amerika Haus vom April 1981 ist eine willkommene Zugabe zu den vielgeliebten Originalalben “Magico” und “Folk Songs”.

Von den frühen 1970er bis weit in die 1980er Jahre hinein, präsentierte ECM regelmäßig Konzerte im Vortragssaal des Münchner Amerika Hauses. Die Räumlichkeit war besonders für akustische Musik ideal, weshalb auch viele der dort stattfindenden Konzerte von Manfred Eicher auf Band mitgeschnitten wurden. Der Großteil dieser Tonschätze wartet noch darauf, endlich aus den ECM-Archiven ans Tageslicht gefördert zu werden. Denn erschienen sind bisher nur wenige der Amerika-Haus-Aufnahmen, darunter Ralph Towners “Solo Concert” (1979) und “Urban Bushmen” (1980) vom Art Ensemble of Chicago. Egberto Gismonti nahm dort im April 1981 die Solo-Nummern für sein hochgepriesenes Doppelalbum “Sanfona” auf. Im selben Monat trat er im Amerika Haus an zwei Abenden auch mit dem Ensemble auf, das damals als “Magico”-Trio bekannt war. Toningenieur Martin Wieland schnitt die Live-Performance unter der Regie von Manfred Eicher mit. Und jetzt, gut drei Jahrzehnte später, erscheinen diese von Jan Erik Kongshaug in Oslo abgemischten Aufnahmen endlich auf dem Album “Carta de Amor”.

Großartiges Beispiel für die Kunst des Zuhörens, der Interaktion und des Aufrechterhaltens von Spannung

Der portugiesische Titel bedeutet “Liebesbrief”. “Betrachten Sie das Album als eine Flaschenpost, die lange gebraucht hat, um an einem Strand angespült zu werden”, meint Egberto Gismonti. Glücklicherweise hat die musikalische Botschaft, die diese Flasche enthält, in drei Jahrzehnten nichts von ihrer Relevanz und Ausstrahlungskraft eingebüßt. Zum Zeitpunkt ihrer Einspielung hatte Gismonti mit seinen Partnern Jan Garbarek und Charlie Haden bereits die Alben “Magico” und “Folk Songs” herausgebracht. Und das Trio war in den zwei Jahren, die es damals schon zusammenspielte, zu einer wahren Einheit verschmolzen. Durch die auf den gemeinsamen Tourneen gesammelten Erfahrungen änderte sich auch die Musik. Man nahm sich mehr improvisatorische Freiheiten heraus und erweiterte das Repertoire um neue Kompositionen (von den elf Stücken dieses Doppelalbums hatte das “Magico”-Trio zuvor nur vier zusammen aufgenommen), bewahrte zugleich aber die Energie-Balance, die beide Studioalben so anziehend gemacht hatte. Jan Garbarek besticht mit leidenschaftlichen Saxophonaufschreien, während Egberto Gismonti wechselweise als intensiver Gitarrist oder lyrischer Pianist glänzt und Charlie Haden mit dem dunklen Ton seines Kontrabasses der Musik ein sicheres Fundament gibt. “Es ist unglaublich, was sie in diesem kammermusikalischen Format als Trio kreieren”, sagt Manfred Eicher. “Sie sind ein großartiges Beispiel für die Kunst des Zuhörens, der Interaktion und des Aufrechterhaltens von Spannung. Zwei beseelte Töne von Jan - oder Egberto oder Charlie - können den Zugang zu einer vollkommen neue Klanglandschaft erschließen, die dann von jedem der drei Musiker geformt und ausführlich ausgeschmückt wird.”

Das Material, das man hier nun hören kann, enthält fünf Kompositionen von Egberto Gismonti: “Cego Aderaldo”, “Don Quixote”, “Branquinho”, “Palhaço” und das Titelstück, das gleich in zwei Variationen am Anfang und zum Abschluss dieses fesselnden Doppelalbums dargeboten wird. Jan Garbarek steuert zum Repertoire seine Arrangements norwegischer Folksongs bei sowie eine ungezügelte Version von “Spor”, die in einer Kollektivimprovisation gipfelt. Aus der Feder von Charlie Haden stammt “La Pasionaria”, seine Hommage an die spanische Aktivistin Dolores Ibárruri. Das Stück spielt Haden meist mit seinem Liberation Music Orchestra (u.a. auf dem ECM-Album “The Ballad Of The Fallen”) und nur selten mit kleineren Ensembles. Die sechzehnminütige Version, die hier präsentiert wird, überrascht dennoch durch ihre Intensität. Sein Aufnahmedebüt erlebt dagegen eine andere Haden-Kompositionen: “All That Is Beautiful”. Und genau dies kann man auch über das gesamte Album sagen: denn es ist von A biz Z einfach nur wunderbar.