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04.10.2012

Präsentes Mittelalter – „Hildegard“ als Tribute an Hildegard von Bingen

Wer sich mit Mittelalter beschäftigt, stößt immer wieder auf Hildegard von Bingen. Als vielfältig gebildete Gelehrte hat sie auch Musik geschaffen, deren Reiz bis heute weiter wirkt. Stevie Wisharts Projekt Hildegard ehrt sie nun in zeitgemäßer Form.

Hildegard von Bingen, Präsentes Mittelalter „Hildegard“ als Tribute an Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen war eine ungewöhnliche Frau, die in einer bewegten Zeit lebte. Denn im 12.Jahrhundert ging ein Ruck durch das alte Europa: Kaiser und Papst rangen um die politische Macht, Heerscharen von Abenteuern und Gläubigen zogen in den Kreuzzügen ins Heilige Land. Die Kirche selbst wiederum musste dringend von innen reformiert werden und da erschien diese umtriebige Frau auf dem Plan, die nicht nur mit Zeitgenossen wie Bernhard von Clairvaux (und der Legende nach auch Kaiser Barbarossa) in Briefwechsel stand, sondern darüber hinaus unter dem Eindruck ihrer Visionen als erste Nonne überhaupt öffentlich dem Volk die Umkehr zu Gott predigte. Sie war eine Universalgelehrte, die sich neben der praktischen Theologie als Äbtissin in dem von ihr gegründeten Kloster Rupertsberg und theoretischen, philosophischen Themen auch mit Fragen der Biologie, Medizin und auch der Musik auseinandersetzte.

Die umstrittene Meisterin

Die Kirche hatte lange Schwierigkeiten damit, Hildegard von Bingen als eine der wichtigen Kräfte in ihren Reihen anzuerkennen. Nachdem Hildegard von Bingen am 10.Mai 2012 heilig gesprochen worden war, erklärt Papst Benedikt XVI sie nun am 7.Oktober 2012 offiziell zur Kirchenlehrerin, die vierte Frau in diesem Status, und stellt Hildegard von Bingen damit auf eine Ebene mit Augustinus, Albertus Magnus, Gregor dem Großen oder Isidor von Sevilla. Im Volk und auch für viele Gelehrte galt sie aber schon seit Lebzeiten als prägende Gestalt mittelalterlichen Wissens. Zahlreiche theologische Schriften, Codices über Pflanzen und Krankheiten, darüber hinaus viele musikalische Werke untermauern diese Bedeutung. So sind zahlreiche liturgischen Gesänge, Responsorien, Hymnen unter ihrem Namen entstanden und zählen bis heute zu den schönsten Beispielen mittelalterlicher geistlicher Vokalkunst.

Eine Welt für sich

Für das Projekt Hildegard nun greift Guy Sigsworth zum einen auf die bereits vorhandene Musik der berühmten Kirchenfrau zurück, die er im Original für sich wirken lässt. Darüber hinaus aber stellt der renommierte Produzent, der bereits mit Stars wie Björk oder Madonna gearbeitet hat, den mittelalterlichen Welten dezente Bearbeitungen aus der Perspektive der Gegenwart gegenüber. Neue Kompositionen sind dafür eigens geschrieben worden, einige der Gesänge wurden auch behutsam remixt.

Dafür arbeitet er eng mit dem britischen Ensemble Sinfonye und dessen Leiter, dem Mittelalter-Spezialisten Steve Wishart zusammen, der als Experte für die Musik von Hildegard von Bingen dafür sorgt, dass die Erneuerungen aus dem Kern der Kompositionen selbst heraus entstehen. Hildegard wird auf dieses Weise ein Führer durch eine eigene Klangwelt, die vom musikalisch weit entfernten Mittelalter in die Gegenwart führt. Es ist ein Album, das nicht nur die Fans des Mediävalen anspricht, sondern auch alle Entdecker, die sich in bislang wenig bekannte musikalische Regionen vorwagen wollen. In einen Kosmos des Spirituellen, dessen Kraft mehr als 800 Jahre überdauert hat.