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18.09.2012

Andreas’ Kluge Ecke

Andreas’ Kluge Ecke © Universal Music GmbH Andreas Kluge c Universal Music

Hand aufs Herz, wie oft haben Sie in Ihrem Leben bereits Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ gehört oder gesehen? Ich weiß, wir reden hier über 16,5 Stunden Musik oder vier Opernabende mit insgesamt fast 23 Stunden Länge. Kein Pappenspiel, zugegeben. Und auch keine Music-Clip-Dimensionen. Dabei ist Wagners „Ring“ wie geschaffen für Music-Clips. Warum das so ist? Der Herr arbeitete musikalisch kleinteilig – auch wenn man das bei dieser Gesamtspieldauer gar nicht vermuten würde! Das liegt an seiner Kompositionsmethode der Leitmotive. Die hat er zwar nicht wirklich erfunden, aber er ist sozusagen der Vollender dieser genialen Idee, dass nämlich jeder Figur und jedem Ereignis in der „Ring“-Tetralogie eine spezielle Melodie zugeordnet ist. Die sind kurz und prägnant und tauchen immer dann wieder auf, wenn sich die Handlung direkt oder indirekt mit dieser Figur oder jenem Ereignis beschäftigt. Nehmen wir ein Beispiel: im ersten Teil, „Rheingold“, belegt der Zwerg Alberich den allmächtigen Ring, den er sich aus dem geraubten Rheingold geschmiedet hat und der ihm mit Gewalt vom Göttervater Wotan geklaut wird, mit einem Fluch. Nämlich, dass jeder, der diesen Ring in Zukunft trägt, dem Tod geweiht sei. Im letzten Teil, „Götterdämmerung“, fährt der strahlende Held Siegfried mit just diesem Ring am Finger auf dem Rhein zur Burg der Gibichungen, wo er vom Fiesling Hagen begrüßt wird. Und zwar exakt mit der Melodie des Fluchs aus dem „Rheingold“. Will sagen: Junge, Dein letztes Stündchen wird bald geschlagen haben. Und so kommt’s dann ja auch. Dieses melodische Vexierspiel zieht sich also durch die gesamten 16,5 Stunden: es gibt Leitmotive für die Götter, für Riesen und Drachen, für ein Zauberschwert, für den Rhein, für Inzest, Mord und eine wahrsagende Ur-Mutter… Das macht den „Ring“ -abgesehen von seiner spannenden Geschichte von Love, Sex & Crime - zu einem musikalischen Puzzle der Superlative. Und deshalb werde ich beim „Ring“ meinem eigenen Prinzip untreu: dass nämlich live vor Konserve ginge. Denn wenn man erst einmal die wichtigsten Motive der Saga im Ohr hat, ist die Geschichte natürlich gleich doppelt interessant zu verfolgen: weil nämlich die Musik im Graben einem häufig Dinge erzählt, von denen die Protagonisten auf der Bühne noch gar nichts wissen! Insofern macht das Einhören in dieses Mammutwerk nicht nur Sinn, sondern auch Spaß und trainiert nebenbei gleich noch das musikalische Gedächtnis. „Trainingsmaterial“ gibt es mittlerweile zuhauf, aber kaum eine „Ring“-Aufnahme ist so legendär und gleichzeitig durch und durch anerkannt wie die allererste Studioaufnahme dieses Werkes überhaupt: zwischen 1958 und 1965 mit den Wiener Philharmonikern unter Sir Georg Solti und mit dem Who’s Who der damaligen Wagnersänger-Zunft für das Label Decca realisiert. Diese Aufnahme gibt’s zwar schon in den verschiedensten Vinyl und CD-Ausführungen zwischen MidPrice und Deluxe, aber anlässlich des 100.Geburtstages von Sir Georg hat sich sein ehemaliges Exklusivlabel nun selbst übertroffen. Eine Super-Mega-Luxus-Wiederauflage in feinster Soundaufbereitung und mit sämtlichen nur denkbaren Extras von unveröffentlichtem Photomaterial der Aufnahmesessions über eine remasterte Version der Dokumentation „The Making of the Ring“ bis hin zur absolut luxuriösen Verpackung! Das hat selbstverständlich seinen Preis, aber lässt auch die Herzen eingefleischter „Ring“-Fans und Solti-Verehrer höher schlagen. Und ist man erst einmal so weit, dass man quasi aus dem Stand und aus dem Schlaf gerissen die Leitmotive von Weltesche, Wotan und Walhall erkennen und nachsingen kann, sollte Phase II der „Ringomanie“ folgen: die genussvolle Überprüfung des Gelernten am optisch-akustischen Objekt. Und weil es sich ja nun nicht jedes Stadttheater leisten kann, einen eigenen „Ring des Nibelungen“ auf die Beine und die Bühne zu stellen, was man nicht einmal im anstehenden Wagner-Jubiläums-Jahr 2013 erwarten darf!, wäre die einfachere Variante ein DVD-Mitschnitt. Auch hier ist die Auswahl mittlerweile groß und zwischen dem Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ von 1976 (so genannt, weil 1876 die Uraufführung des „Rings“ stattfand!) in der visionären Regie von Patrice Chereau und einer scheint’s der Uraufführung nachempfundenen New Yorker-Produktion unter James Levine aus den 80ern des 20. Jahrhunderts findet sich für jeden Geschmack etwas. Allerdings sollte man auch hier versuchen, einigermaßen up-to-date zu bleiben. Und nachdem die Decca vor zwei Jahren die nichts weniger als sensationelle Neudeutung des „Ring-Mythos“ durch den Dänen Kaspar Becht Holten von der Eröffnung des neuen Königlichen Opernhauses Kopenhagen auf DVD veröffentlichte, wollte (und konnte!) die Deutsche Grammophon dem nicht nachstehen und präsentiert nun als Jubiläums-Ausgabe die international aktuellste „Ring“-Inszenierung von Robert Lepage im spektakulären Bühnenaufbau Carls Fillions aus der New Yorker MET mit Bryn Terfel als dem besten Wotan unserer Zeit und einer „lustigen Walküren-Rutsche“ als Illustration zum vermutlich populärsten Leitmotiv des ganzen „Rings“! (Wer die „Live from the Met“-Kinoübertragungen kennt, weiß, wovon ich rede!) Man übt sich also im Leitmotiv-Lernen mit Soltis grandioser ewig-junger Studioeinspielung, wendet alsdann das erworbene Wissen bei Robert Lepages postmodernem MET-„Ring“ des 21. Jahrhunderts an, bevor man sich dergestalt vorgebildet und gestärkt in das Abenteuer seiner ersten ganz und gar reellen „Ring des Nibelungen“-Aufführung stürzt. Und glauben Sie mir, dieser verfluchte „Ring“ hat Suchtpotenzial! Nicht umsonst pilgern Tausende und Abertausende von Wagnerianern alljährlich zu den „Ringen“ zwischen New York, London, Wien und Berlin! Und wer schließlich und endlich noch die allerhöchsten „Ring“-Weihen erhalten möchte, der sollte sich, sozusagen in der dialektischen Umkehrung, mit der satirischen Verknappung der Tetralogie beschäftigen und sich bei der witzig-klugen Boshaftigkeit von Miss Anna Russel und ihrem „The Ring in 20 minutes“ köstlich-königlich amüsieren. Mit einem fröhlichen Hojotoho entlässt Sie mit diesen Empfehlungen für den „Ring“ für Einsteiger ins Wagner-Jubiläums-Jahr 2013

Ihr Andreas Kluge