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17.09.2012
András Schiff

Ein verpflichtendes Erbe

András Schiff, Ein verpflichtendes Erbe © Nadia F. Romanini / ECM Records András Schiff

Nach den hochgelobten Neueinspielungen der Goldberg-Variationen und der sechs Partiten widmet sich András Schiff auch dem Wohltemperierten Clavier erneut im Rahmen einer Aufnahme für ECM Series, die Maßstäbe in der Bach-Interpretation setzt.

Text: Jörg Ehlert | Foto: Nadia F. Romanini / ECM Records

Johann Sebastian Bach sei "von einer austernhaften Verschwiegenheit in Bezug auf sein Werk" gewesen, bemerkte der Komponist Paul Hindemith einmal. Und eine Vielzahl von Quellen, die uns eine klarere Sicht auf sein Werk ermöglichen würden, ist verloren gegangen. So haben sich immer neue Generationen von Musikern mit der Musik Bachs auseinandergesetzt, um uns ein schärfer konturiertes Bild von seiner Kunst zu geben. So auch András Schiff, der sich seit Jahrzehnten mit dem Klavierwerk des Thomaskantors auseinandersetzt, und zu den bedeutendsten Bach-Vermittlern der Gegenwart zählt. Bereits zweimal hat der ungarische Ausnahmepianist in den vergangenen Jahren für ECM New Series Revisionen seiner früheren Einspielungen - die Goldberg-Variationen und die sechs Partiten BWV 825-830 - vorgelegt, die mit großer Begeisterung aufgenommen wurden. Im August 2011 nahm Schiff auch seine zweite CD-Einspielung der Bücher I und II des Wohtemperierten Claviers in Angriff.

Unaufhörliche Suche

Ein verpflichtendes Erbe nannte Paul Hindemith die Musik Bachs. Doch was fängt man mit einem solchen musikalischen Erbe an? András Schiff gibt eine klare Antwort: Wir dürfen nicht aufhören, sein Wesen zu ergründen. "Große Werke sind viel größer als ihre Interpreten. Wir bemühen uns ein Leben lang, ihre Geheimnisse zu entdecken, ihre einzigartige Botschaft zu vermitteln. Wenn wir das imaginäre Ziel auch nie ganz erreichen werden, gewinnen wir durch zahlreiche Aufführungen doch Erfahrungen und Kenntnisse, die uns Jahre früher noch verborgen geblieben waren", sagt er. Auf eine unlängst gestellte Frage nach etwaigen Mängeln seiner früheren Aufnahmen, die er zu korrigieren beabsichtige, antwortete Schiff: "Es gab Anflüge von Sentimentalität, die ich seinerzeit nicht als sentimental empfand - doch mag ich Sentimentalität nun einmal nicht. Vielleicht gewinnt man mit dem Alter an Sicherheit - man verspürt nicht mehr die Notwendigkeit zu beeindrucken. Man weiß, dass es sich um ein großes Musikstück handelt, das für sich selbst sprechen kann."

Die Klarheit des Kontrapunkts

Für die vorliegende Einspielung hat András Schiff bewusst einen modernen Konzertflügel gewählt. "Die Frage nach dem richtigen Instrument für Bach lässt sich unmöglich beantworten. Man kann nicht sagen, für welches Instrument etwa das Wohltemperierte Klavier geschrieben wurde. ‘Clavier’ ist ein Sammelwort. Es steht für alle Tasteninstrumente, die Bach seinerzeit zur Verfügung standen", erklärt er. Schiffs Steinway kennt die Einschränkungen alter Instrumente der Bachzeit nicht und ist jeder Klangnuance fähig, wenn er auf sensible Weise, und das heißt auch mit dem Wissen um die Aufführungstradition jener Zeit, gespielt wird. Auf Pedaleinsatz verzichtet Schiff. "Die Klarheit der Polyphonie und der Stimmführung müssen selbstverständlich sein, da gibt's keinen Platz für Konfusionen", erklärt er unter Berufung auf seinen einstigen Lehrer György Kurtag.

Die vorliegende Aufnahme der Bücher I und II des Wohltemperierten Claviers entstand im Auditorium Radiosvizzeria Italiana in Lugano. Schiffs persönlicher Steinway wurde eigens angeliefert, um das Spiel des Meisterpianisten auf dem Instrument seiner Wahl einzufangen.