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23.08.2012

Mit gedämpfter Stimme - Frühe Lieder und Klavierstücke von John Cage

Anlässlich des 100. Geburtstags von John Cage präsentiert ECM New Series die neue Aufnahme von Pianist Alexei Lubimov und Vokalistin Natalia Pschenitschnikova mit frühen Liedern und Klavierwerken des Komponisten.

Alexei Lubimov, Mit gedämpfter Stimme © Peter Laenger / ECM Records Alexei Lubimov

Auf seiner neuen Einspielung "As It Is" für ECM New Series präsentiert Alexei Lubimov einen John Cage, der als Vertreter der Komponistenzunft im herkömmlichen Sinne gelten darf. Die von dem russischen Pianisten und seiner Gesangspartnerin Natalia Pschenitschnikova ausgewählten Werke stammen aus den dreißiger und vierziger Jahren – die Schaffensphase vor spektakulären Konzeptarbeiten wie "4′33″" – als Cages Musikauffassung vom Publikum noch mehrheitlich als zugänglich, ja sogar reizvoll begrüßt wurde. In einer zeitgenössischen Kritik würdigte die New York Times etwa den 1949 in der Carnegie Hall uraufgeführten Zyklus "Sonatas and Interludes" für präpariertes Klavier als "tief bewegend und anmutig" und Cage als "einen der herausragenden Komponisten des Landes".

"Im Großen weder Wahrheit noch Gutes"

Der John Cage auf "As It Is" spricht mit gedämpfter Stimme. Angesichts des Krieges und des Supermachtgebahrens Nachkriegsamerikas habe er leisen Klängen den Vorzug geben wollen, erklärte er in seiner "Lecture on Nothing" im Jahr 1949. "Im Großen schien weder Wahrheit noch Gutes zu liegen. Die leisen Klänge hingegen waren wie Einsamkeit oder Liebe oder Freundschaft." Die Lautstärke in "Music for Marcel Duchamp", einem Werk für präpariertes Klavier aus dem Jahr 1947 etwa, geht nie über mezzopiano hinaus und ruft Assoziationen an einen fernöstlichen Tempel wach. "Dream", gemeinsam mit "In A Landscape" und "Suite for Toy Piano" 1948 während eines von Cage organisierten Satie-Festivals erstmals aufgeführt, verströmt sich in einem ätherischen Klangschleier und unausgesetztem pianissimo.

Weitverzweigte Wurzeln

"Leicht hätte Cage zu einer Bestimmung als Lieferant eines delikaten Exotismus’ finden können", schreibt der Musikkritiker und Autor Alex Ross. Doch stattdessen entfernte sich John Cage immer weiter vom traditionellen Begriff des Komponierens. "As It Is" legt einige der weitverzweigten Wurzeln dieser Entwicklung frei. Eine Reihe der Stücke, wie das bereits erwähnte "Dream", "The Unavailable Memory Of" und "Experiences No. 2", entstand in Zusammenarbeit mit Cages Lebensgefährten, dem Tänzer Merce Cunningham. In ihren Aufführungen prallten Musik, Choreographien und Bühnenbilder unvermittelt aufeinander, denn sie entstanden unabhängig voneinander.

Stein, Joyce und präpariertes Klavier

Cages lang anhaltende Faszination für Wiederholungen, so legt Paul Griffiths im Begleittext des Albums nahe, geht möglicherweise auf die Texte Getrude Steins zurück. Sie fanden Eingang in die "Three Songs for Voice and Piano". Von nachhaltigem Einfluss auf Cages Schaffen waren auch die Schriften James Joyce’. Auf Textfragmenten seines Romans "Finnegans Wake" basieren "The Wonderful Widow of Eighteen Springs", begleitet von auf einem geschlossenen Flügel erzeugten Klopfgeräuschen, und "Nowth Upon Nacht". Eine Vielzahl der Stücke auf "As It Is" schrieb Cage für präpariertes Klavier, so etwa "A Room" und "Prelude for Meditation".

Russischer Cage-Pionier

Alexei Lubimov führt Werke von John Cage seit den sechziger Jahren in der Sowjetunion und Russland auf. Er gab das erste ausschließlich dem US-amerikanischen Komponisten gewidmete Konzert am Moskauer Konservatorium im Jahr 1976, "zum großen Ärger der akademischen Professoren". Im Zuge von Glasnost konnte die Union Sowjetischer Komponisten Cage 1988 erstmals nach Leningrad einladen. Lubimov und Pschenitschnikova trafen ihn bei seiner Ankunft in Moskau. Wenige Wochen später nahmen beide an einem mittlerweile legendären fünfstündigen Cage-Konzert bei den Alternativen Zeitgenössischen Musiktagen im Glinka-Museum für musikalische Kultur teil. 1991 begegneten sich Lubimov und Cage erneut in New York. Lubimov und Pschenitschnikova treten immer wieder gemeinsam mit John Cage-Programmen auf, zuletzt im Rahmen des MaerzMusik-Festivals 2012, wo sie Werke der vorliegenden CD im Berliner Radialsystem V präsentierten.