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26.04.2012

Neue Einsichten auf alten Instrumenten - Alexei Lubimov spielt Debussy

Auf zwei Klavieren aus den Lebzeiten Debussys hat Alexei Lubimov für ECM New Series eine herausragende Aufnahme der Préludes und vierhändiger Klaviertranskriptionen des “Prélude à l'après-midi d'un faune” und der “Trois Nocturnes” realisiert.

Alexei Lubimov, Neue Einsichten auf alten Instrumenten © Peter Laenger / ECM Records Alexei Lubimov

Alexei Lubimov gehört zu den Musikern aus der ehemaligen Sowjetunion, die nicht in die kulturelle Ideologie der einstigen Obrigkeit passten. Als einer der letzten Schüler des legendären Klavierpädagogen Heinrich Neuhaus hatte er sich früh der zeitgenössischen Musik verschrieben. Für seine provozierende Erstaufführung von Werken John Cages und Terry Rileys im Jahr 1968 wurde ihm ein internationales Auftrittsverbot auferlegt. Bis es ihm ab 1987 wieder gestattet war, Auslandsreisen zu unternehmen, etablierte er sich als gefragter Interpret von Uraufführungen russischer Komponisten wie Schnittke, Gubaidulina und Silvestrov. Auch nahm er Schoenberg, Webern, Boulez, Stockhausen und Ligeti in sein Repertoire auf. Zudem entdeckte er seine Liebe zum Hammerflügel und wurde zu einem Vorreiter von Konzerten mit alten Instrumenten und der historischen Aufführungspraxis in der Sowjetunion. Der Westen wurde erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR auf den außergewöhnlichen Pianisten aufmerksam. Bei ECM New Series hat Lubimov ein geistiges Zuhause gefunden. Für das Label hat er eine Reihe von hoch gelobten Aufnahmen gemacht, mit denen er vor allem Werke zeitgenössischer russischer Komponisten vorstellt.  

Neuer Zugang zu Debussy

Die zufällige Begegnung mit einem alten Steinwayflügel in der polnischen Botschaft in Brüssel - einst soll Jan Ignace Paderewski darauf Recitals gespielt haben - regte Lubimov im vergangenen Jahr dazu an, die seit vierzig Jahren fest in seinem Repertoire verankerte Klaviermusik Claude Debussys und insbesondere dessen 24 Préludes neu zu überdenken. Gemeinsam mit dem befreundeten russischen Kollegen Alexei Zuev, seit 2000 ein Student Lubimovs, spielte er für “Claude Debussy: Préludes” (ECM New Series 2241) auf historischen Instrumenten. Dabei ging es ihm, wie Jürg Stenzl im Begleittext betont, jedoch “nicht um das Mystische 'authentischer Originalinstrumente', sondern um deren unvergleichlich reiches Klangvokabular, wie es auch Debussy für seine Musik erschloss und mit großer Wirkung in seinem eigenen Spiel ausschöpfte.”

Erhellende Klavierfassungen des “Prélude” und der “Nocturnes”

Zudem beleuchten die auf den historischen Instrumenten umgesetzten Klavierfassungen zweier früher Orchesterwerke Debussys, das “Prélude à l'après-midi d'un faune” und “Trois Nocturnes”, die strukturellen, kompositorischen und harmonischen Aspekte mit besonderer Klarheit. Lubimov spielt das zweite Buch der Préludes auf einem Steinway von 1913. Seinen Klang beschreibt er als “himmlisch sanft im Pianissimo, klangschön und ausgezeichnet geeignet für unerwartete Farben”. Für das erste Buch wählte er ein 1925er Modell von Bechstein, sein Klang “klar, gestochen scharf, transparent und hell selbst in komplexen Strukturen”. Wir hören beide Instrumente in den für zwei Klaviere arrangierten Stücken. In den “Nocturnes” (Ravels Transkription für zwei Klaviere) spielt Lubimov den Steinway und Zuev den Bechstein, in “Prélude à l'après-midi d'un faune” (Debussys eigene Transkription) tauschen sie die Instrumente.

Titel sind als Nachgedanken zu verstehen

Die Klavierentwürfe von Claude Debussy sind dem Expressionismus Schoenbergs wohl näher als dem fein ziselierten Wohlklang eines Chopin oder der extravaganten Virtuosität eines Liszt, wenngleich auch seine Kunst zweifellos in der Tradition des 19. Jahrhunderts steht. Debussy selbst verwahrte sich gegen das Etikett des musikalischen “Impressionismus”, die Strömung mit der er am häufigsten identifiziert wird. Denn er er fürchtete, die einseitige Faszination für die raffinierte Oberfläche seiner Musik könnte die Subtilitäten des von ihm geschaffenen neuen musikalischen Idioms und dessen strukturelle Logik überdecken. Konsequent entschied sich der Komponist, seinen 24 Préludes im Autograph die programmatischen Titel nicht voranzustellen, sondern diese erst am Ende jedes Stücks zu platzieren - wie als Ermutigung, die Musik für sich sprechen zu lassen, sie offen zu interpretieren und aufzunehmen. Debussy sagte einmal: “Musik ist eine freie Kunst, frei hervorsprudelnd, eine Pleinair-Kunst, eine Kunst nach dem Maß der Elemente, des Windes, des Himmels, des Meeres!” Und in diesem Geist - “sans rigueur”, wie Debussy wiederholt in seinen Partituren fordert - interpretiert Alexei Lubimov die Stücke.