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19.03.2012

Andreas’ Kluge Ecke

Andreas’ Kluge Ecke © Universal Music GmbH Andreas Kluge c Universal Music

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leserinnen und Leser, aber es gibt Tage im Leben, da möchte man - nach einem anstrengenden Arbeitstag endlich zu Hause angekommen - nur allen Ballast von sich werfen und eine bequeme Horizontallage einnehmen. Zum Lesen mangelt es an der Konzentration, den Griff zur Yogamatte verhindert der innere Schweinehund, das ZEIT-Rätsel hatte man als geübter Rater wieder schon nach 10’ gelöst und das Fernsehprogramm bietet auf sämtlichen Kanälen gleichzeitig einmal mehr nur den üblichen Medienmüll. Bliebe also nur, ein entspannt-entspannendes „An-die-Decke-Starren“ oder der Weg in die innere Emigration? Nicht ganz, denn es gibt Mittel und Wege, das eine mit dem anderen Wohlbefinden-fördernd zu verbinden. Zumindest habe ich das vor einiger Zeit eher en passant für mich entdeckt. Seit Monaten, wenn nicht gar Jahren ruhte ein Album mit geistlicher Musik von Gesualdo da Venosa in meinem CD-Regal. Man kennt das ja: irgendwann einmal gekauft und nicht gleich angehört, dann dem Ordnungssinn folgend in die Sammlung integriert und schließlich… vergessen.

In diesem Schwebezustand zwischen Deckenbetrachtung und innerer Emigration nun fiel mir plötzlich wieder dieses Album ein. Ich legte also die CD auf mittlerer Lautstärke in den Player ein und machte es mir auf dem Sofa bequem – jeden Moment bereit, die Musik wieder auszuschalten für den Fall, dass sie mich nerven würde. Aber soweit kam ich erst gar nicht, denn schon nach den ersten Takten fühlte sich mein gutes altes Sofa an wie ein Wasserbett, auf dem ich sanft und unaufdringlich in eine andere Welt hinüber geschaukelt wurde. Das Denken ausgeschaltet, den Körper von den Haar- bis in die Zehenspitzen entspannt, trug mich diese unglaubliche Musik mit sich fort, weit entfernt von aller Esoterik einer inneren Ruhe zu. Das mäandernde Geflecht der Singstimmen, das gleichförmige An- und Abschwellen der Lautstärke, das völlig unaufgeregte Musizieren ohne wirkliche dynamische Ausschläge fand seine Entsprechung vor meinem inneren Auge in einem sich permanent minimalistisch verändernden Mäandern von Lichtgebilden, die an frühe Bildschirmschoner oder ein langsam gedrehtes Kaleidoskop erinnerten. Körper und Geist kamen zu völliger Ruhe.

Die Wirkung war verblüffend. Und sie funktionierte auch beim zweiten und dritten Mal. Ich hatte mein Sedativum gefunden und wurde nun neugierig auf den Mann, der hinter all dem steckte. Also fing ich an, mich näher mit Gesualdos Geschichte zu beschäftigen, schaute mir die Dokumentation „Gesualdo: Tod für fünf Stimmen“ von Werner Herzog an, las die Biographie „Leben und Werk eines fürstlichen Komponisten“ von Glenn Watkins und deckte mich mit Musik dieses faszinierenden Renaissance-Menschen ein. Vor allem mit seinen sechs Madrigalbüchern, in denen sich das spannende und zerrissene Leben dieses Komponisten und Machtmenschen wider Willen kongenial gespiegelt hat. Und je mehr ich mich in diesen Menschen hineinhörte und hineinlas, umso faszinierender wurden Mensch und Musik für mich. Erwiesen sich als therapeutisches und intellektuelles Vergnügen gleichermaßen, welches weiter zu vermitteln und anzupreisen ich nicht müde werde. Nicht müde werden kann. Insofern sei hier auch Ihnen Gesualdo da Venosa, der Musiker und Mensch, von mir nachdrücklich ans Herz gelegt. Versuchen Sie es doch einfach mal, vielleicht erliegen ja auch Sie dem Faszinosum und Zauber seiner Musik und finden sich urplötzlich völlig entspannt und nahezu schwerelos auf Ihrem Sofa, Ihrem Bett wieder. Es würde mich freuen.

P.S.: Finden Sie hier zwei Veröffentlichungen aus dem Werk von Carlo Gesualdo: "Quinto Libro di Madrigali" und "Tenebrae" in der Interpretation des Hilliard Ensembles.