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Artikel

15.03.2012
The Hilliard Ensemble

Dramatische Porträts menschlicher Emotionen

The Hilliard Ensemble, Dramatische Porträts © Peter Laenger The Hilliard Ensemble

Der komponierende Fürst Carlo Gesualdo gehört zu den schillerndsten Figuren der Musikgeschichte. Seine späten Madrigale sind Abbilder einer gepeinigten Seele und ein frühes musikalisches Zeugnis künstlerischer Subjektivität.

Text: Jörg Ehlert | Foto: Peter Laenger

In seinem Essay “Prince of Darkness” schreibt Alex Ross, Musikkritiker des New Yorker, über Carlo Gesualdo, den exzentrischen Komponisten-Fürsten, der Ende des 16. Jahrhunderts seine Ehefrau und deren Liebhaber ermordete: “Hätte Gesualdo nicht derart schockierende Handlungen vorgenommen, würden wir seiner Musik vielleicht nicht so viel Aufmerksamkeit widmen. Doch hätte er nicht derart schockierende Musik geschrieben, würden wir uns sicher auch weniger für seine Untaten interessieren. Es ist die Verbindung von großer Kunst und Kapitalverbrechen, die unsere Fantasie anregt. Wie auch im Fall seines Zeitgenossen Caravaggio, der einen Mann durch einen Dolchstoß in die Leistengegend tötete, fragen wir uns, ob Gesualdos Gewalttätigkeit und sein künstlerisches Schaffen ein und derselben dämonischen Quelle entstammen.”

Exzentriker der Vokalmusik

Gemäß der überkommenen Kompositionslehre seiner Zeit hatten sich die Worte dem harmonischen Fluss der Musik unterzuordnen. Die Madrigalisten des ausgehenden 16. Jahrhunderts, allen voran Monteverdi, Gesualdo und Luzzaschi, kehrten dieses Verhältnis jedoch um. Sie gaben dem Wort den Vorrang, seiner Veranschaulichung und Ausdeutung sollte die Musik dienen. Stärker als alle Zeitgenossen bediente sich Gesualdo dabei einer Vielzahl von Manierismen; schroffe Dissonanzen, krasse Tempogegensätze und chromatische Akkordverbindungen treffen in seiner Musik aufeinander. Er übersteigerte die ihm zur Wahl stehenden kompositorischen Mittel der polyphonen Gesangskunst häufig bis ins Extreme, um dem Affektgehalt seiner Madrigale dramatische Wirkung zu verleihen.

Musikalisches Tagebuch


Damit zwingt er der Musik ein unerhörtes Maß an Subjektivität auf, das ihn in die geistige Nähe der Romantiker des 19. Jahrhunderts bringt. Möglicherweise sind seine Kompositionen das Ventil für seine von Schuldgefühlen gepeinigte Seele? Eine Reihe von Kommentatoren glaubt, dass die zwei letzten Madrigal-Sammlungen - die 1611 veröffentlichten Bücher V und VI - autobiografisch sind. Gesualdo hat die Gedichte demnach selbst geschrieben oder nach seinen Vorgaben schreiben lassen. Und sie schwelgen so exzessiv in Themen wie Schmerz, Trauer, unerfüllte Liebe und Tod, dass sie ohne den Variationsreichtum der Musik wohl monoton erscheinen würden. “Gesualdo könnte der erste Komponist der Geschichte gewesen sein, der eine Art musikalisches Tagebuch schrieb”, mutmaßt Alex Ross.

Anhaltende Faszination


Nach mehr als zwei Dekaden der Beschäftigung mit Gesualdo und der mit dem Deutschen Schallplattenpreis ausgezeichneten Aufnahme “Tenebrae” aus dem Jahr 1990 hat das Hilliard Ensemble nun für ECM New Series auf “Quinto Libro di Madrigali” das 5. Madrigalbuch aufgenommen. “Man kann sich fragen, wieviele Wiederholungen diese stark aufgeladene und manieristische Musik eigentlich verträgt. Doch aus unserer Sicht hat Gesualdo den Test der Zeit bestanden. Unser Publikum scheint dieser dramatischen musikalischen Bilder nicht überdrüssig zu werden, und für uns als Interpreten bleiben die technischen und musikalischen Anforderungen stets eine Herausforderung. Aufgrund unserer andauernden Verbindung zu Gesualdos Musik haben wir uns vor einigen Jahren gefragt, um welches seiner Werke wir unser Repertoire erweitern könnten. Dabei ergriff uns ein Wunsch nach Vollständigkeit, sodass wir uns das gesamte Fünfte Madrigalbuch vornahmen. Diese Sammlung bildet eine Galerie dramatisch ausgeleuchteter Porträts der menschlichen Emotionen mit einer starken Betonung extremer Gegenpole wie Freude und Verzweiflung.”