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14.03.2012
Carolin Widmann

Virtuose Übung in Demut

Carolin Widmann, Virtuose Übung in Demut © Marco Borggreve/Francesco Fratto Carolin Widmann und Alexander Lonquich

Auf ihrer ersten gemeinsamen Aufnahme gelingt Carolin Widmann und Alexander Lonquich ein magischer Schubert, technisch auf höchstem Niveau und zugleich von überirdischer Schönheit.

Text: Jörg Ehlert | Foto: Marco Borggreve / Francesco Fratto

Mit einer einfühlsamen Aufnahme von Franz Schuberts Werken für Violine dokumentiert ECM New Series erstmals die musikalische Zusammenarbeit von Geigerin Carolin Widmann und Pianist Alexander Lonquich, deren Konturen sich im Verlauf der vergangenen vier Jahre immer deutlicher abgezeichnet haben. Erstmals kamen beide anlässlich des Eröffnungskonzertes der Salzburger Festspiele 2008 zusammen, wo sie Messiaen spielten. Und im folgenden Jahr überzeugte ein Solo-Recital Lonquichs Widmann, dass es an der Zeit sei, eine gemeinsame Aufnahme zu wagen: mit Werken Schuberts.

Verwirklichung eines Paradoxons


Auf diesem Album, aufgenommen in der historischen Konzerthalle Reitstadl im oberpfälzischen Neumarkt, spielt das Duo die C-Dur-Fantasie und das Rondo in h-Moll aus den Jahren 1826/27 sowie die Violinsonate in A-Dur von 1817. Während die Sonate noch eindeutig unter dem Einfluss des von Schubert bewunderten Beethoven steht, beeindruckt der Österreicher in seinen Spätwerken durch eine außerordentliche musikalische Erfindungsgabe. Für die Wiener Virtuosen Josef Slawik und Karl Maria von Bocklet geschrieben, liegen uns hier zwei Werke vor, deren Wert weit über bloße Virtuosität hinausgehen. Lonquich sieht in ihnen ein Paradox verwirklicht, seien sie doch in ihrem Anspruch technisch höchst anspruchsvoll und zugleich metaphysischer Natur. “Schubert ist der große Wanderer der Musik. Er geht durch Höhen und Tiefen und subtile harmonische Fortschreitungen. Er wird gemeinhin als der große Melodiker angesehen, doch ist bei ihm auch stets eine außergewöhnliche harmonische Spannung am Werk.”

Unkonventionelle Rollenverteilung


Carolin Widman ergänzt: “Es gibt eine Ambivalenz bei Schubert: Schmerz und Schönheit werden mit derselben Intensität zum Ausdruck gebracht. Ich kann in seiner Musik die Welt des ländlichen Österreichs hören und zugleich dieses Gefühl der Weltabgewandtheit. Bei ihm erwächst große Kunst aus der Verbindung von Verwurzelung und Transzendenz.” Widmanns und Lonquichs hochsensible Lesart verwirft gängige Konventionen über die Rollenverteilung von Soloinstrument und Begleitung. Stattdessen passt sich ihr Zusammenspiel den wechselnden Anforderungen der Musik Schuberts beständig an. Durch die Eigentümlichkeit der Schubert'schen Rhythmik, so Alexander Lonquich, sei oft nicht eindeutig, welchem Instrument die Führungsrolle zukomme. “Da vollzieht sich eine fortwährende Verschiebung der Gewichtung, die mich beinahe an Ligeti erinnert. Besonders faszinierend für unser Zusammenspiel im Duett ist es, dass wir einander in dieselbe Richtung folgen müssen, uns dabei jedoch nie zu nahe kommen dürfen. Wir müssen einen gemeinsamen Atem entwickeln und zugleich unsere Autonomie wahren.”

In ihrer begeisterten Albumbesprechung schreibt die ZEIT: “Die Momente der Platte, da man die Geige fast nicht wahrnimmt, sind besonders eindrucksvoll: weil da zwei Musiker begriffen haben, dass das Klavier in diesem Augenblick die Hauptstimme innehat. Doch wenn Widmann dann aus dem Nichts nach vorn schießt, ist die Verblüffung umso größer.” Carolin Widmann und Alexander Lonquich zeigen, dass im Fall der vorliegenden Werke Franz Schuberts eine richtig verstandene und wohldosierte Demut der Schlüssel zur Erkenntnis ist.