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12.03.2012
Yuja Wang

Fantasie verleiht Flügel

Yuja Wang lebt in vielen verschiedenen Welten. Und das nicht nur, weil sie das ganze Jahr über zu Konzertterminen rund um den Globus unterwegs ist. Ebenso selbstverständlich bewegt sich die Pianistin auf ihrem iPad durch den Cyberspace, chattet mit ihren Freunden auf Facebook und twittert Philosophisches. "Mit der Geburt des Künstlers kam die unvermeidliche Nachgeburt – der Kritiker" zitiert sie Mel Brooks. Der ironische Seitenhieb zielt wohl auf all jene Kommentatoren, die sie in immer gleiche Schubladen einordnen wollen.

Text: Corina Kolbe | Foto: Esther Haase

Fliegende Finger, schwindelerregend hohe Absätze, nicht jugendfreie Minikleider. Yuja kann darüber nur herzhaft lachen. "Warum soll ich mich nicht so anziehen können, wie es meinem Charakter und meiner Musik entspricht?" kontert sie selbstbewusst. Diejenigen, die sich über ihre 'high heels' aufregten, seien doch nur neidisch, weil sie selbst nicht darin laufen könnten. "Ich liebe halt Mode und Design. Schuhe finde ich ebenso ästhetisch wie schöne Autos und Pianos."

Womit wir beim Wesentlichen wären, nämlich der Musik. Die hatte Yuja bereits in ihren Bann gezogen, als sie noch in Peking bei ihren Eltern lebte und lange schwarze Zöpfe hatte, die kurios vom Kopf abstanden. Auf dem Internetportal YouTube findet man Videos aus ihrer Kinderzeit, als sie bereits mühelos schwierige Chopin-Etüden und -Walzer spielte. Ihre Eltern – eine Tänzerin und ein Schlagzeuger – erkannten früh ihr Talent, trieben sie aber nicht an. "Ich hatte Glück, denn in der klassischen Musik gab es bei uns schon damals ein starkes Konkurrenzdenken", erinnert sie sich. Yuja studierte ohne Druck bei einer Lehrerin, die ihr europäische Komponisten wie Bach, Beethoven, Mozart und Brahms nahebrachte. Was fehlte, war internationale zeitgenössische Musik, von der in China keine Noten aufzutreiben waren.

Diese Lücke konnte Yuja bald schließen. Bereits mit 14 Jahren ging sie allein nach Kanada und von dort in die USA, wo sie das renommierte Curtis Institute in Philadelphia besuchte. Mit 25 ist sie mittlerweile ein Weltstar und fühlt sich vor allem als Amerikanerin. Dass sie so jung aus ihrer vertrauten Umgebung in eine völlig andere Welt kam, hat es ihr später erleichtert, das Nomadenleben einer Künstlerin zu verkraften. Den Klassik-Boom in ihrer Heimat beobachtet sie mit einer gewissen Skepsis: "Ich bin nicht sicher, ob die Leute tatsächlich die Musik lieben oder eher Superstars erleben wollen."

Dass virtuoses Musizieren in unserer Wettbewerbsgesellschaft oft mit sportlichem Kräftemessen verglichen wird, bekommt auch Yuja immer wieder zu spüren. Die Frage, ob sie mit ihren flinken Fingern die schnellste Pianistin der Welt sei, beantwortet sie daher nur mit einem vielsagenden Lächeln. Ihr neues Album 'Fantasia' ist ein überzeugender Beweis dafür, wie sich höchstes technisches Können mit nuancierten Interpretationen voller Tiefgang verbinden kann. Neben halsbrecherisch schnellen Stücken, die sie mit übermütiger Spielfreude meistert, liegen ihr gerade die lyrischen Werke besonders am Herzen. Eine leise, zarte Melodie aus Glucks 'Orfeo ed Euridice' und Schuberts 'Gretchen am Spinnrad' in einer Transkription von Liszt stehen auf der CD temperamentvollen Variationen über ein Thema aus Bizets populärer Oper 'Carmen' und kontrastreichen Rhythmen bei Rachmaninoff und Skrjabin gegenüber.

"Das Album besteht aus lauter kurzen Zugaben, die ich nach meinen Konzertprogrammen spiele", erklärt Yuja. "Es war ungewohnt, die Stücke plötzlich außerhalb des Konzertsaals aufzunehmen. Im Studio saß ich ohne Publikum vor den Mikrofonen, und niemand klatschte." Für diese Klavierminiaturen die richtige Reihenfolge zu finden, war für die Künstlerin ebenfalls eine besondere Herausforderung.

"Bei 'Fantasia' lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Die CD ist eine Art Reisetagebuch, weil ich die Werke mit unterschiedlichen Ländern assoziiere, in denen ich aufgetreten bin. Sie spiegeln viele verschiedene Kulturen und Stimmungen wider", sagt sie. "Und natürlich sind die Stücke auch eine Hommage an die Pianisten, die mich besonders geprägt haben."

Zu Yujas großen Vorbildern gehören Vladimir Horowitz und György Cziffra, von dem sie eine Transkription von Strauss' 'Tritsch-Tratsch-Polka' spielt. Ebenso Sergej Rachmaninoff, Frédéric Chopin und Franz Liszt, die nicht nur berühmte Komponisten, sondern auch begnadete Pianisten waren. Und mit 'Tea for Two' in der Fassung des Jazzpianisten Art Tatum zeigt sie sich ihrer zweiten Heimat USA verbunden. Zu dem Titel des Albums hat sie ein anderer berühmter Amerikaner, nämlich Comic-Urvater Walt Disney inspiriert. In seinem Trickfilm 'Fantasia' hörte sie zum ersten Mal die sinfonische Dichtung 'Der Zauberlehrling' von Paul Dukas, die sie hier in einer Transkription für Klavier spielt.

Diese Miniaturen hat Yuja durch einen roten Faden, ihre persönliche 'story line', miteinander verknüpft. Die Stücke sind Fragmente, die vom Publikum in bester postmoderner Tradition auch in unterschiedlichen Reihenfolgen einen Sinn ergeben können. Ein großes zusammenhängendes Werk wie Rachmaninoffs 3. Klavierkonzert zu hören, sei dagegen so, als lese man einen langen Roman, meint die Pianistin. Das kontrastreiche, mit technischen Schwierigkeiten gespickte Konzert steht in dieser Saison häufig auf ihrem Kalender.

Mit dem Album hofft Yuja noch mehr jüngere Fans zu gewinnen. Schon jetzt kommen Teenager scharenweise in ihre Konzerte. Die CD ist ein bisschen wie ein Pop-Album, die meisten Titel sind kürzer als fünf Minuten. Auf YouTube hat sie mit Rimski-Korsakoffs 'Hummelflug' bereits eine Rekordzahl von Zuschauern angelockt. "Russische Musik ist sehr emotionsgeladen, jungen Leuten gefällt das", meint sie. "Prokofieff setzt eine wilde Energie frei. Und Tschaikowskis 'Schwanensee' habe ich selbst als Kind sehr gemocht."

Wenn Yuja nicht Klavier spielt oder Partituren studiert, nimmt sie lieber ein Buch in die Hand, statt vor dem Fernseher zu sitzen. "Ich lese gerade etwas über den Komponisten György Ligeti, er überzeugt mich sehr. Außerdem interessiere ich mich für Architektur." Ihre allerneueste Leidenschaft seien aber vertrackte Sudoku-Zahlenrätsel, verrät sie. Es gebe nichts Besseres, um sich die lange Wartezeit auf Flughäfen zu vertreiben.