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23.11.2011

Das zu Unrecht vernachlässigte Clavierwerk - Lisa Smirnovas Gesamteinspielung der “Acht Londoner Suiten” von Georg Friedrich Händel

Georg Friedrich Händels 1720 veröffentlichte Suiten für Clavier erfreuten sich bei dessen Zeitgenossen höchster Beliebtheit. Knapp 300 Jahre später belegt Lisa Smirnova, dass diese hochvirtuose Musik nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat.

Lisa Smirnova, Das zu Unrecht vernachlässigte Clavierwerk © Joyce Rohrmoser Lisa Smirnova

Lisa Smirnova präsentiert mit “Händel: Die acht großen Suiten” ihr Debütalbum für ECM New Series. Über mehr als fünf Jahre hat sich die in Moskau geborene und seit langem in Wien lebende Pianistin auf die Aufnahme dieser auch unter dem Namen “Acht Londoner Suiten” oder “Suites de Pièces pour le Clavecin” bekannten Werke vorbereitet. In der Vergangenheit hatten sich herausragende Künstler wie Glenn Gould und ECM-Legende Keith Jarrett zwar bereits ausgewählten Suiten zugewandt, jedoch existiert bis heute nur eine geringe Zahl von Einspielungen der gesamten acht Suiten auf Cembalo oder Klavier. Lisa Smirnova hat nun ihre Gesamtaufnahme auf dem modernen Flügel abgeliefert.


Der Ruhm des barocken Komponisten Georg Friedrich Händel gründet heute vor allem auf groß angelegten Oratorien wie “Messiah”, Opern wie “Alcina” und auf seiner Kammermusik. Eine bedauerliche Begleiterscheinung dessen ist jedoch die Vernachlässigung der weniger bekannten, aber kaum weniger gefälligen Klavierwerke aus der Feder des Meisters. Keith Jarrett hatte dies anlässlich seiner 1993er Einspielung der Händelschen Suiten auf ECM News Series so kommentiert: „Wenn das Publikum seine Entscheidung darüber fällt, welche Werke eines Künstlers es für großartig erachtet, neigt es auch dazu, andere Arbeiten desselben abzuwerten.“


Dabei galt Händel aufgrund seiner stupenden Claviertechnik als herausragender Virtuose, der selbst den Vergleich mit Johann Sebastian Bach nicht zu scheuen brauchte. Seine in Suiten angelegten Übungsstücke für das Clavier (Cembalo) - die Lessons oder Lectiones - würdigte Händels erster Biograph John Mainwaring mit folgenden Worten: “Händels seine Lectiones leiden zwar einen Nachtheil, der aber von ihrer Vortreflichkeit selbst herrühret. Die erstaunliche Fülle und Beschäfftigung der Mittelparteyen [Mittelstimmen] vergrößert die Schwierigkeit sie zu spielen dermaaßen, daß wenig Leute fähig sind, ihnen ihr Recht zu thun.”


Und kaum ein anderes Opus für Tasteninstrumente hatte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine so weit reichende Verbreitung gefunden wie Händels “Acht Londoner Suiten”. Zunächst waren sie in heimlich und fehlerhaft angefertigten Raubdrucken unter dem Titel “Pièces à un & deux Clavecins composées par Mr. Hendel” in Umlauf gelangt. Erst durch Händels Erwirkung eines königlichen Druckprivilegs und die eigenhändige Zusammenstellung der Suiten und einiger Änderungen und Hinzufügungen im November des Jahres 1720 gelang es dem Komponisten, wieder die urheberische Kontrolle über seine Werke zu erlangen.


In der akribischen Beschäftigung von Jahren hat sich Lisa Smirnova diese Lektionen ganz zueigen gemacht. Mit ihrem Debüt auf ECM New Series präsentiert sie sich nun als würdige Botschafterin des Händelschen Klavierwerks. Und mit der liebevollen Aufnahme unter der Ägide von ECM-Mastermind Manfred Eicher ist es ihr gelungen, ihrer eigenen künstlerischen Persönlichkeit und den Suiten Händels gleichermaßen die verdiente Aufmerksamkeit zu verschaffen.