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23.02.2011
Anna Netrebko

Biografie

Plötzlich war sie da, Anna Netrebko, die russische Sopranistin mit der Jahrhundertstimme und der Karriere wie aus dem Märchenbuch der Operngeschichte. Die Frau, die als Studentin im Mariinsky-Theater den Boden putzte, nur um möglichst nah an den Proben zu sein. Die von Valery Gergiev entdeckt wurde, von ihm 1995 als gerade 23jährige für die Titelrolle von Glinkas „Ruslan und Ludmilla“ verpflichtet und durch die Gastspiele an der San Francisco Opera 1995 über Nacht der Opern-Szene bekannt wurde. Und die spätestens seit dem Jahr 2002, als sie sowohl an der Met wie auch in Salzburg mit Bravour debütierte, die Herzen der internationalen Klassikfreunde erobert.

Anna Netrebko kam am 18.September 1971 im südrussischen Krasnodar zur Welt. Als Kind sang sie gerne und so gut, dass sie zur Gesangsausbildung nach St. Petersburg unter anderem zu Tamara Novichenko geschickt wurde. Netrebko war nicht nur begabt, sondern hatte auch das Gespür für die richtigen Gelegenheiten, die man sich als Noname ohne große Beziehungen schaffen musste. Wenn sie nicht studierte und übte, schrubbte sie die Dielen des Marientheaters und kam auf diese unkonventionelle Weise mit der großen Welt der Opern in Kontakt. „Wir Russen“, meinte sie später zu ihrem ungewöhnlichen Karriereweg in einem Interview, „brauchen immer ein wenig Stress in unserem Leben, etwas, das uns betrifft oder herausfordert. Wenn alles gut ist und wir vollkommen glücklich erscheinen, dann werden wir skeptisch und zweifeln daran“: 1993 jedenfalls gewann sie den Glinka-Gesangswettbewerb in Moskau, wirkte bei einer Vorstellung im Bolschoi-Theater mit und hatte nun auch ein paar Referenzen zu bieten, die ihr einen Termin zum Vorsingen bei Valery Gergiev ermöglichten. Der wiederum erkannte sofort das Potential der natürlichen und energischen Stimme der jungen Frau und engagierte Netrebko für sein Mariinsky-Ensemble.

Es dauerte nicht lange, da wurde dem Maestro klar, dass er einen potentiellen Star entdeckt hatte. Er ermöglichte der Sopranistin 1994 ihr Debüt auf der berühmten Petersburger Bühne als Susanna in „Le Nozze di Figaro“. Erste kleine Tourneen folgten, 1995 das Diplom am Konservatorium, kurz darauf die USA-Premiere als Ludmilla aus Glinkas „Ruslan und Ludmilla“ an der San Francisco Opera. Die Presse war begeistert, seitdem ging es stetig bergauf. Covent Garden, die Met, die Scala luden sie ein. Schließlich gelang es ihr 2002 in Salzburg, unter Harnoncourts Leitung als Donna Anna im „Don Giovanni“ die Fachwelt zu begeistern.

Am 2.April 2003 debütierte sie an der Wiener Staatsoper als Violetta in Verdis „La Traviata“, im folgenden Juli auch an der Bayerischen Staatsoper in der gleichen Rolle während der Münchner Opernfestspiele. Die Wiederaufnahme des "Don Giovanni" unter Harnoncourt bei den Salzburger Festspielen wurde ebenfalls ein großartiger Erfolg. A Star was born und die Begeisterung ergriff nicht nur die normalen Zuhörer, sondern auch die Kritik. Als Netrebko zum Beispiel im Januar 2004 als Violetta in München gastierte, konnte man stellvertretend für viele Meinungen in der Tageszeitung lesen: „Hier arbeitet eine ernsthaft und begnadete Künstlerin. Mit einer glockenrein schönen Stimme, die punktgenau Gefühle transportiert und in den Höhen lerchengleich geradewegs in den Himmel aufzusteigen scheint. Und, was in der Oper immer ein Fall von besonderer Begnadetheit ist, eine Vollblut-Schauspielerin“.

Überhaupt war das Jahr 2004 voller Ereignisse. Im Januar und Februar gab Netrebko vier Vorstellungen in „La Traviata“ an der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Zubin Metha. Anschließend gastierte sie in Wien als Donna Anna, im April als Musetta („La Bohème“) beim Festival in Matsumoto in Japan, im Juni ebenfalls als Musetta an der Oper von San Francisco, im August bei den Salzburger Festspielen mit einer konzertanten Aufführung von Prokofievs „Krieg und Frieden“ und als Giulietta ins Bellinis „I Capuletti e i Montecchi“. Am 28. August feierte sie ihren Berlin-Einstand auf der Waldbühne, bald darauf glänzte sie mit einem Auftritt bei den Londoner "Proms" und vor Weihnachten in der Fernsehshow „Wetten dass...“. Außerdem wurde sie als „Sängerin des Jahres“ mit dem Klassik Echo ausgezeichnet.

Netrebko wagte von Anfang an Neues, wie etwa ihre Zusammenarbeit mit der Modemarke Escada, die sie mit der passenden Kleindung ausstattet. Sie drehte Videos mit Popregisseuren wie Vincent Paterson, der ihr für die DVD „The Woman – The Voice“ einen ungewohnt designten optischen Rahmen gab. Ihr erstes Solo-Album mit „Opera Arias“ landete in Deutschland in den Pophitparaden („Best Of The Year“, Opera News 2003). Das im August 2004 erschienene Opern-Recital „Sempre Libera“ war ebenso erfolgreich. Gemeinsam mit dem Mahler-Kammerorchester unter der Leitung von Claudio Abbado sang sie Arien der Violetta aus „La Traviata“, der Amina aus „La Somnambula“, der Lucia aus „Lucia di Lammermoor“ oder auch der Desdemona aus „Othello“.

Und in ähnlichem Tempo ging es voran. Im Juni 2005 bekam sie im Moskauer Kreml von Präsident Wladimir Putin den russischen Staatspreis überreicht, eine der höchsten Auszeichnungen, die das Land vergeben kann. Im selben Sommer war Anna Netrebko unter anderem in „L'Elisir d'Amore“ an der Wiener Staatsoper und lieferte mit „La Traviata“ bei den Salzburger Festspielen die Sensation der Saison. Sie glänzte als hinreißende Violetta, ihren Liebhaber Alfredo mimte der als aufgehender Stern am Musikhimmel gefeierte Tenor Rolando Villazón und dessen Bühnen-Vater Georgio wurde der renommierte Bariton Thomas Hampson. Die dazu gehörigen Aufnahmen auf CD und DVD wurden zu Bestsellern ihres Genres und das Gespann Netrebko – Villazón als neues Traumpaar der Oper gefeiert.

Natürlich ließ Salzburg es sich nicht nehmen, den Shooting Star auch im Mozartjahr einzuladen. Am 26. Juli 2006 eröffnen die Salzburger Festspiele die Saison mit einer von Claus Guth inszenierten Interpretation von Mozarts „Le Nozze di Figaro“, am Pult Nicolaus Harnoncourt, auf der Bühne Anna Netrebko. Wenige Tage zuvor präsentierte die Sängerin sich mit einem Album in illustrer Gesellschaft. Wieder ging es um Mozart, um die schönsten Arien des Salzburger Genius', die neben Netrebko Größen der Gesangszene wie Bryn Terfel, Thomas Quasthoff und René Pape vor den Mikrophonen versammelten. „The Mozart Abum“ blieb aber nicht ihr einziger Beitrag zum Opernjahr. Im Herbst 2006 brachte sie „The Russian Album“ auf den Markt, das sich mit einem Arien- und Liedprogramm der zumeist schwermütigen Schönheit der russischen Opernwelt zu widmete. „Ich empfinde es als Ehre, eine Aufnahme dieser herrlichen Sopranarien in meinem Heimatland machen zu dürfen. Viele der Arien sind lange nicht eingespielt worden – das macht die Ehre umso größer“, meinte sie zu der mit Valery Gergiev am Pult entstandenen Einspielung. Es wurde ihr bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreichstes Album.

Im Jahr 2007 wiederum überschlugen sich die Ereignisse. Ende Februar erschien „Duets“, eine Platte von Anna Netrebko und Rolando Villazón, auf die viele gewartet hatten. Mit dem natürlichen Charme zweiter Ausnahmekünstler wurden Melodien angestimmt, die zum Großartigsten gehören, was das Genre zu bieten hat, und das mit einer emotionalen Intensität, die ihresgleichen suchte. Zur Sommertournee folgte die Special Deluxe Edition der „Duets“, die nicht nur zusätzliche Arien enthielt, sondern auch einen exklusiven DVD-Konzertmitschnitt vom umjubelten Pariser Konzert, das im März 2007 aufgezeichnet worden war. Abgerundet wurde das Netrebko-Jahr durch die DVD „ Die Opergala der Stars“ mit vier Protagonisten der Gesangsszene, Anna Netrebko, ihrer Mezzo-Kollegin Elina Garanča, dem Tenor Ramón Vargas und dem Bariton Ludovic Tézier.

Weiter ging es 2008 zunächst mit einem Klassiker, Puccinis „La Bohème“. Diesmal handelte es sich um eine Aufnahme aus der Münchner Oper, mit dem Traumpaar als Protagonisten Mimi und Rodolfo. „Für mich ist der schöne Moment in 'La Bohème', wenn Mimi im letzten Akt Rodolfo gesteht, dass er die Liebe ihres Lebens ist“, meinte Rolando Villazón damals. „Es ist eine der ausdrucksvollsten Passagen in Puccinis ganzem Oeuvre. Und in unserer Produktion haben wir versucht, eine besonders eindringliche Szene daraus zu machen.“ Mit Anna Netrebko auf der einen Seite – die wegen ihrer „Mischung aus stimmlichem Glanz und dramatischer Intensität“ vom amerikanischen Time Magazin kurz zuvor in die Liste der „100 Männer und Frauen, deren Macht, Talent oder moralisches Beispiel die Welt verändern“ aufgenommen worden war – und Nicole Cabell als reizvolle Musetta wurde es eine wunderbare, ja wegweisende „La Bohème“.

Für Anna Netrebko selbst jedoch war das wichtigste Ereignis anno 2008 die Geburt ihres ersten Sohnes im September. Bis Januar 2009 gönnte sie sich eine künstlerische Auszeit, um die ersten Monate mit ihrem Kind und ihrem Verlobten, dem uruguayischen Sänger Erwin Schrott, zu genießen. Für ihre Fans hatte sie zuvor bereits ein neues Programm eingesungen. Es hieß „Souvenirs“, erschien im November und ihr viertes Solo-Album, diesmal mit einem faszinierenden Programm bunt gemischter Arien von Emmerich Kálmán bis Nikolai Rimsky-Korsakov und Jacques Offenbach bis Richard Strauss. „Dieses Album ist wie ein prächtiger Blumenstrauss mit den verschiedensten Blüten und Farben“, meinte die Künstlerin dazu. „Es soll eine wunderbare Palette an Gefühlen schaffen – Leidenschaft, Freude, Liebe, Zärtlichkeit“.

Anno 2009 gaben die Opernstars Anna Netrebko und Elina Garanča ihr gemeinsames Debüt auf CD. In Wien hatten sie im Vorjahr mit Vincenzo Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ das Publikum förmlich von den Sitzen gerissen. Die Aufnahme des umjubelten Bühnenereignisses des Melodrams um die unglücklichen Liebenden waren im Saal des Wiener Konzerthauses gemeinsam mit dem Chor der Wiener Singakademie und den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Fabio Luisi entstanden. Voran gegangen waren umjubelte Aufführungen in Wien mit Anna Netrebko als Julia und Elina Garanča in der Hosenrolle des Romeos.

Für 2010 hatte Anna Netrebko eine weiter Überraschung parat: Mit ihrem ersten Lied-Programm „In The Still Of Night“ wandte sie sich dem russischen Repertoire zu, insbesondere Komponisten wie Nikolai Rimsky-Korsakow und Peter Tschaikowsky. Das Resultat dieses Recitals, das die Sopranistin gemeinsam mit Altmeister Daniel Barenboim am Klavier in Salzburg 2009 aufgenommen hat, war von dieser speziellen intensiven Atmosphäre geprägt, die die russische Romantik kennzeichnete, und erwies sich auf CD und DVD als besonders eindrucksvolle Darstellung ihrer Kunst. Im Herbst erschien dann mit „The Best Of Anna Netrebko“ die erste Zusammenstellung von Highlights ihrer Karriere, die neben Kostproben aus den bisherigen Alben auch Klangjuwelen wie „Solveigs Lied“ aus Griegs „Peer Gynt“ oder „Casta Diva“ aus Bellinis „Norma“ enthielten.

An der Schwelle zum Jahr 2011 stellt sich Anna Netrebko neuen Herausforderungen. Denn Mitte März erscheint eine Aufnahme mit geistlicher Musik, die den Bühnenstar nun als Sopranistin in Pergolesis „Stabat Mater“ vorstellt, an der Seite von Marianna Pizzolato (Mezzo-Sopran) und gerahmt von den Barockspezialisten des Orchestra Dell'Academia di Santa Cecilia unter der Leitung von Antonio Pappano.

2/2011