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10.01.2011

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2011

Booklet Text

Das Neujahrskonzert 2011

Die mittlerweile 70-jährige Geschichte des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker wurde 2011 durch zwei Debüts erweitert: Franz Welser-Möst, seit September 2010 Generalmusik-direktor der Wiener Staatsoper, leitete zum ersten Mal den traditionellen Neujahrsgruß aus Wien, und Franz Liszt, der einstige “König der Virtuosen”, der am 22. Oktober 1811 in Raiding (heute Burgenland, damals Ungarn) geboren wurde, gelangte erstmals in diesem Rahmen zur Aufführung.

Der erste Teil des Neujahrskonzerts 2011 orientiert sich an der Biographie bzw. an der Familiengeschichte von Franz Welser-Möst: Drei der sechs Werke, Reitermarsch, Donau­weibchen sowie Muthig voran!, sind nach Motiven der 1887 entstandenen Operette Simplicius komponiert, die aufgrund des wenig überzeugenden Textbuchs bei ihrer Uraufführung im Theater an der Wien bei weitem nicht jenen Erfolg hatte wie etwa Die Fledermaus oder Der Zigeunerbaron und seither nur selten auf den Spielplänen anzutreffen ist. Franz Welser-Möst brachte das Werk im “Strauß-Jahr” 1999 in Zürich zur international beachteten Schweizer Erstaufführung, und die genannten Einzelkompositionen bilden einen Schwerpunkt und gleich­zeitig die thematische Klammer des ersten Teiles des Neujahrskonzerts 2011.

Zwei der anderen drei Werke führen in die Familiengeschichte des Dirigenten, der am 16. Au­gust 2010 seinen 50. Geburtstag feierte: Eine seiner Urgroßmütter, Aloisia Wild, geb. Dom­mayer (1867–1904), war die Enkelin von Ferdinand Dommayer (1799–1858), der im Jahre 1832 die von seinem Schwiegervater übernommene Gastwirtschaft in Alt-Hietzing, also im heutigen XIII. Wiener Gemeindebezirk, zu einem Casino mit Tanzsaal ausbaute. Zur unerhörten Beliebt­heit, derer sich das Lokal erfreute, kam bald musikhistorischer Ruhm: Nachdem bereits Johann Strauß Vater und Joseph Lanner hier aufgetreten waren, gab 1844 der 19-jährige Johann Strauß Sohn sein Debüt und profilierte sich in der Folge mit zahlreichen Konzerten als neuer “Walzer­könig”. Im “Dommayer” gelangten mehrere seiner Kompositionen zur Uraufführung, darunter die Debut-Quadrille, sein op. 2, und die Amazonen-Polka, also zwei Werke, die am 1. Jänner 2011 – ebenso wie Muthig voran! – erstmals auf dem Programm eines Neujahrskonzerts standen. Das Casino Dommayer befand sich in prominentester Nachbarschaft: In Hietzing steht Schönbrunn, das zum UNESCO Weltkulturerbe zählende Sommerschloss der Habsburger, und daher sind Die Schönbrunner, einer der schönsten Walzer Joseph Lanners (aus dem bekanntlich Igor Stravinskij im Ballett Petruschka zitiert), ein “logischer” Bestandteil des ersten Abschnitts des Neujahrskonzerts 2011.

Der fulminante Csárdás aus Ritter Pásmán erinnert daran, dass Johann Strauß’ einzige Oper im Jahre 1892 an der Wiener Hofoper uraufgeführt wurde, und stellt gleichzeitig die Überleitung zu einer “Hommage an Franz Liszt” dar. Als der ganz Europa faszinierende Künstler anlässlich des 100. Geburtstags von Wolfgang Amadeus Mozart am 27./28. Jänner 1856 zwei Festkonzerte der Wiener Philharmoniker dirigierte, widmete ihm Johann Strauß Sohn den Walzer Abschieds-Rufe, wobei er dem Vorbild seines Vaters folgte: Bereits 1839 hatte Johann Strauß Vater seine Verehrung gegenüber dem großen Musiker durch den hinreißenden Furioso-Galopp nach Liszt’s Motiven (Ausschnitte aus dessen Grand Galop chromatique für Klavier) zum Ausdruck gebracht. Den Reverenzen der beiden “Walzerkönige” folgt ein Werk des musikalischen Jahresregenten, das seinerseits eine Auseinandersetzung mit einem der faszinierendsten musikalischen Phänomen darstellt – Franz Liszts Mephisto-Walzer Nr. 1.

Als Johann Strauß im Sommer 1869 zum elften Mal nach Pavlovsk bei St. Petersburg reiste, drängte er seinen Bruder Josef, ihn zu begleiten und abwechselnd die Konzerte zu dirigieren. Josef Strauß war oft kränkelnd, und die monatelange Trennung von Frau und Tochter fiel ihm äußerst schwer. Kurz nach dem Eintreffen in Pavlovsk drückte er diese Empfindungen in einer Polka mazur aus, und als er die Noten seinem Verleger nach Wien schickte, schrieb er darüber “Aus der Ferne”. Caroline Strauß wusste, was Josef meinte; zur gleichen Zeit sandte er ihr einige Zeilen aus Pavlovsk: “Immer mit Dir, nur durch Dich, und ewig für Dich!” Ein Jahr später starb Josef Strauß, das vielleicht genialste Mitglied der Komponistendynastie, knapp vor seinem 43. Geburtstag in Wien.

Im Programm des Neujahrskonzerts 2011 bildet diese sensible musikalische Liebeserklärung die Überleitung zu einem Ausflug “in die Ferne”, im konkreten Fall auf die iberische Halbinsel: Der elegante Spanische Marsch von Johann Strauß Sohn und der durch die legendäre Tänzerin Fanny Elßler (1810–84) inspirierte Cachucha-Galopp von Johann Strauß Vater umrahmen den Zigeu­nertanz aus dem Ballett Die Perle von Iberien – ein brillantes Werk Joseph Hellmesbergers, der bereits mit 14 Jahren Primgeiger der Wiener Philharmoniker wurde, später zu deren Konzert­meister aufstieg und schließlich von 1901 bis 1903 die Abonnementkonzerte des Orchesters dirigierte.

Mein Lebenslauf ist Lieb’ und Lust, einer der großen Konzertwalzer von Josef Strauß beendet das “offizielle” Programm des Neujahrskonzerts 2011: Optimismus und Elan, die dieses Werk so überzeugend vermittelt, sind als Wunsch für das Neue Jahr sowie für das Wirken Franz Welser-Mösts als Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper gedacht. Die Schnellpolka Ohne Aufenthalt, die am 1. Jänner 2011 als erste Zugabe vor dem traditionellen Abschluss mit Donauwalzer und Radetzky-Marsch gespielt wurde, bildet eine “Komplettierung” der Strauß-Dynastie im Programm dieses Neujahrskonzerts: Neben seinem Vater Johann und seinen Brüdern Johann und Josef ist auch Eduard Strauß mit einer seiner schwungvollen Polkas vertreten.

Dr. Clemens Hellsberg
Vorstand der Wiener Philharmoniker

1/2011