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15.12.2010
Gidon Kremer

Neue Musik 2010

Eine der Sensationen war sicher „Officium Novum“. Aber es gab anno 2010 bei ECM New Series noch weitaus mehr ungewöhnliche Neue Musik und neue Interpretationen zu entdecken. Ein Rückblick.

Gidon Kremer, Neue Musik 2010 © ECM Records ECM Cover Collage 2010 © ECM Records

Till Fellner, Pianist aus Wien und schon lange kein Geheimtipp mehr, stellte sich im März des Jahres mit einem Beethoven-Programm vor, das sich der beiden späten Klavierkonzerte des Titanen widmete. Und mehr denn je gelang es ihm, die perfekte Balance von Emphase und Reflexion in der Interpretation zu verwirklichen. Die Medien waren begeistert, stellvertretend für das umfassende Lob soll hier Johannes Salzwedel aus dem Kulturspiegel zu Wort kommen: „Zart, ja träumerisch erwachen die Akkorde - auf den Tasten. Erst dann erwidern sanft die Streicher. Gleich am Anfang seines G-Dur-Konzerts dreht Beethoven so das übliche Formprinzip um. Noch viele Überraschungen werden folgen: lyrische Lichtungen, energische Aufschwünge, Zweifel und Jubel, ein wahres Lebenspanorama. Wer es hörbar machen will, muss sich zurücknehmen können. Bei Till Fellner, 38, ist diese Demut eine Grundregel. Noch diskreter als sein Lehrer und Vorbild Alfred Brendel sucht der Wiener Pianist nach dem idealen Klang, meidet jeden simplen Effekt um des großen Ganzen willen. Seine Aufnahme der letzten Beethoven-Konzerte mit dem Montrealer Orchester unter Kent Nagano klingt so vollendet luzide, dass man die enorme Kunst dahinter schier vergisst. Wer Vergleiche sucht, muss jedenfalls weit zurückgreifen.“ Das Hifi-Magazin Audio fügte mit ähnlicher Wertschätzung hinzu: „So lebendig, von einem so kontrollierten Feuer erfüllt, hat man diese Konzerte seit Friedrich Gulda nicht mehr gehört. Mit seinem speziellen Gespür ist Eicher bei diesen Konzerten in Montreal auf ein Dream-Team gestoßen. Wer Beethoven wieder etwas entdecken will, der muss hier zugreifen.

Mit „D'Ombre et de Silence“ widmet der amerikanische Pianist Robert Levin im April dem französischen Komponisten Henri Dutilleux ein eigenes Programm mit markanten Schlüsselwerken von den späten Vierzigern bis in die Gegenwart, überwiegend für Piano Solo und im Fall von „Figures de Résonances“ um die Taiwanesische Pianistin Ya-Fei Chuang als Partnerin ergänzt. Es entstand eine repräsentative Werkschau, die den Denker am Notenblatt und den Intellektuellen am Instrument komplementär zusammenführte und bei den Rezensenten auf viel Gegenliebe stieß: „Der Pianist Robert Levin ist bei uns vor allem als Experte für Alte Musik und Vollender von Mozarts c-Moll Messe bekannt“, urteilte die Neue Zeitschrift für Musik, Dutilleux aber kenne er schon lange persönlich. „Folgerichtig bedeutet ihm dessen Musik eine Herzensangelegenheit. Für seine Gesamteinspielung der Klaviermusik Dutilleux' erntete er vom Komponisten höchstes Lob – 'impéccable' – und dies mit absoluter Berechtigung.“ In der Fachzeitschrift FonoForum bekam das Album gar die Höchstwertung zugesprochen mit der Begründung. „Diese denkbar vielfältige, stimmungsvolle Klaviermusik erfährt eine Darstellung, wie sie besser kaum vorzustellen wäre; sie ist artikuliert, durchgestaltet, ungemein klangvoll, schlechterdings gekonnt und, was besonders für sie einnimmt, durch und durch musikalisch“.
Ebenfalls im April veröffentlicht ECM New Series das Album „Madhares“ des österreichischen Komponisten Thomas Larcher. Geboren 1963 in Innsbruck, ausgebildet unter anderem in Wien, hatte er im Laufe der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte von Claudio Abbado bis Pierre Boulez mit zahlreichen Koryphäen seines Fachs zusammengearbeitet. „Madhares“ sah er selbst als eine Art Bestandsaufnahme mit schlaglichtartigem Charakter, für die ihm Solisten wie Till Fellner, das Münchner Kammerorchester unter Dennis Russell Davis und das Quartuor Diotima zur Verfügung standen. Ein brillantes Team, wie beispielsweise die Neue Zeitschrift für Musik feststellte: „Pianist Till Fellner überzeugt als Kämpfer an den Tasten auf ganzer Linie. [...] Alle beteiligten Interpreten identifizieren sich hundertprozentig mit dieser so individuellen, verletzlichen, und doch von großer innerer Stärke geprägten Musik. Auf weitere Veröffentlichungen aus den Oeuvre Thomas Larchers darf man gespannt sein.

Der Frühling zog vorüber, die ersten Sommermonate gingen ins Land und im August meldete sich Manfred Eichers Klassiklabor mit zwei neuen Veröffentlichungen zurück. Zum einen setzte Arvo Pärt sein orchestrales Schaffen fort und präsentierte seine „Symphony No. 4“ auf CD, die er im Auftrag des Los Angeles Philharmonic Orchestras geschrieben hatte. Presse und Publikum waren fasziniert, in der Süddeutschen Zeitung konnte man unter anderem lesen: „Dieser Mut eint Eicher und Pärt: Musik für den Tag zu komponieren, für ein konkretes Publikum und ein konkretes Ziel. Und beide erreichen dieses Ziel: bei einem breiten Publikum anzukommen und trotzdem dafür den eigenen Anspruch nicht aufzugeben, die eigenen Kunstherausforderung aufrechtzuerhalten.“ In der Musikzeitschrift Sono hieß es darüber hinaus: „Es ist eine Ausdrucksmusik, die bewegt und packt, zumal sie vom Los Angeles Philharmonic unter der Leitung des finnischen Top-Dirigenten Esa-Pekka Salonen bis in die letzte Notenpore sensibel ausgeleuchtet wurde.
Das zweite Highlight der Hochsommers bei ECM New Series stammte von Gidon Kremer. „Hymns And Prayers“ wurde anno 2008 im Rahmen des Lockenhaus Festivals aufgezeichnet und präsentierte ein Programm, das den Geiger als Souverän der Spannungslenkung und Klangfarbengestaltung auswies. Neben das „Klavierquintett f-Moll“ (1878/79) von César Franck stellte er „Silent Prayer“ von Giya Kancheli und die „Eight Hymns in memoriam Andrei Tarkovsky“, die der ungarisch-serbische Komponist Stevan Kovacs Tickmayer zwischen 1986 und 2004 zu Ehren des visionären Filmregisseurs geschrieben hat. Es war ein ungewöhnliches, gewagtes Programm, das von den Rezensenten auch als solches wahrgenommen wurde. „Der lettische Jahrhundertgeiger Gidon Kremer dringt als begeisterter Kammermusiker und mit seinem Ensemble Kremerata Baltica immer tiefer ins Innere der Musik ein, in sparsam ausgeschlagene Klangkammern, in denen Töne ein archaisch spirituelles Dasein fristen“, meinte dazu die Zeitschrift Sono und lobte César Francks Klavierquintett als „Meisterwerk der französischen Romantik“, die acht Hymnen als „aufwühlend minimalistisch“ und Kanchelis Titelstück als „ergreifendes Lamento, in das in bittersüße (Instrumental-) Gesänge hineinschweben“.

Eine Sensation hatte der September zu bieten, und das nicht nur in Hamburg, wo anlässlich der Weltpremiere von „Officium Novum“ für kurze Zeit der Verkehr in der Innenstadt aufgrund des großen Andrangs zum Erliegen kam. Denn die Fortsetzung des Erfolgsprogramm knüpfte rund 17 Jahre nach den ersten Kooperationen von Jan Garbarek mit dem Hilliard Ensemble unmittelbar daran an und führte das Konzept zugleich weiter. „Officium Novum“ nahm die Musik des armenischen Komponisten Komitas Vardapet zum Ausgangspunkt und führte die Künstler dann von Arvo Pärts „Most Holy Mother Of God“ bis hin zu eigenen Kompositionen aus der Feder von Jan Garbarek, von mediävalen Chorälen eines Perotin bis hin zu dem Poem „Nur ein Weniges noch“ von Giorgos Seferis. Das war in sich derart stimmig und außerdem herausragend gesungen und gespielt, so dass auch die Presse flächendeckend voll des Lobes war. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bescheinigte dem Projekt „gehörige Faszinationskraft“, das Hamburger Abendblatt pries die „Magie der fünften Stimme“, das FonoForum beschwor in einem Portrait die „Faszination Freiheit“ und selbst die Fachpresse wie beispielsweise das Magazin Jazzthing war hingerissen und widmete Officium Novum ein ausführliches Portrait, das mit den Sätzen endete: „Musik, die von Armenien über Paris nach Spanien und Estland wandert, vorgetragen von einem norwegischen Saxofonisten und englischen Sängern, gehüllt in italienische Fotos und abgeschlossen durch ein griechisches Gedicht in deutscher Lesung. Europäischer kann ein Kunstwerk kaum sein. Doch die besondere Bedeutung dieses Albums liegt eben nicht in der Programmatik, die es gar nicht hat, sondern in der Mühelosigkeit, mit der all diese Komponenten ein gemeinsames Ganzes ergeben.“

Noch einmal viel Neues brachte der Oktober. Zunächst erschien Arvo Pärts Meilenstein „Tabula Rasa“ in einer erweiterten Deluxe-Edition, die in aufwändiger Gestaltung zur eigentlichen Musik ein annähernd 200 Seiten starkes Hardcover-Buch, das Notentexte, Facsimiles der Original-Handschriften der Kompositionen von Arvo Pärt, aber auch umfangreiche Informationen zum Album, exklusive Fotos aus dem ECM Archiv und weiterführende Erläuterungen des Musikhistorikers Paul Griffiths enthielt. Ganz neu wiederum war das Programm der Sopranistin Juliane Banse, die sich auf „Tief in der Nacht“ unter anderem dem Liedkomponisten Alban Berg widmete und ihm Zeitgenössisches von Karl Amadeus Hartmann gegenüberstellte. Sie spannte gemeinsam mit dem aus Belgrad stammenden Pianisten Aleksandar Madžar einen weiten Bogen über ein Kapitel reflektiert-moderner Klangfindung, das als kammermusikalisches Juwel des Herbstes Zeichen der Intensität setzt. Dieses zusammen mit Produzent Manfred Eicher entwickelte Konzept wurde von der Kritik mit Begeisterung aufgenommen, die Banse als internationalen Star des modernen Fachs feierte. In dem Magazin Stereo, das „Tief in der Nacht“ zum Album des Monats kürte, konnte man zum Beispiel lesen: „Im Timbre von Juliane Banse schimmert noch Mädchennaivität, aber auch (und mittlerweile verstärkt) das Erleben und Ahnen der gereiften Frau. Aleksandar Madzar hüllt ihren emotionstiefen Gesang in luftige Klanggespinste ein. Ebenfalls retrospektiv orientiert, doch härter in der musikalischen Artikulation ist Karl Amadeus Hartmanns 'Lamento' von 1955, in welchem der Komponist seine Leiderfahrung des Zweiten Weltkriegs nochmals reflektiert. Der starken Trauerexpressivität ist Juliane Banse bestechend intensiv auf der Spur“.
Nach der Öffnung des Baltikums in Perestroika-Zeiten gelang es dem estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür, sich international einen Namen zu machen. Im Jahr 1996 stellte ihn der Produzent Manfred Eicher erstmals mit einem eigenen Album im Rahmen von ECM New Series vor („Crystallisatio“), mit der Aufnahme seiner Symphonie „Strata“ führte er im Oktober seine komponierenden, auf einer vektoriellen Kompositionstechnik basierenden Experimente fort. In dem von Carolin und Jörg Widmann als Solisten veredelten „Concerto for Violin and Clarinet 'Noësis'“ wiederum stellte Tüür klare Melodieführungen der symphonischen Klangwirkung gegenüber und entwickeln neue, andere musikalische Farben. „Packend“ überschrieb im Anschluss an die Veröffentlichung das Klassikmagazin Crescendo seine Besprechung und resümierte: „Interpretation und Klangqualität sind überragend. Eine tolle CD!“ Und der Rezensent der Süddeutschen Zeitung kam gar ins Schwärmen: „Man fühlt sich dem Komponisten sehr nah, glaubt bisweilen gar, die auseinander strebenden und doch nie ganz auseinander fallenden Entwicklungen voraushörend mitvollziehen zu können. So ungewöhnlich Tüürs Musik sein kann, so vertraut wirkt sie beim spontanen Hören, so vielgestaltig und so farbig, so erzählfreudig und stimmungskonzentriert.“ Und damit strebt 2010 seinem Ende zu, ein Jahr, in dem ECM New Series einmal mehr zeigt, in welche Richtungen Musik weisen kann.