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07.07.2010
Gustav Mahler

Soundtrack der Extreme

Gustav Mahler ist noch immer ein Pulsmesser unserer Zeit. In seinen Werken entdecken wir die dunkelsten Seiten unserer Seele. Mit ihm begann die Postmoderne in der Musik

Gustav Mahler, Soundtrack der Extreme © Adolph Kohut Gustav Mahler © Adolph Kohut

Von Axel Brüggemann

Oben, in seinem "Studi", im Komponierhäuschen auf den Almen am Rande des Wörthersees war es still: Höchstens das Schreien der spielenden Kinder, vielleicht eine Kuhglocke oder das Rauschen des Windes drangen an Gustav Mahlers Ohren. Hier oben war die Luft befreit vom turbulenten Treiben in den Tälern, von den bellenden Demonstrationen, den rauschenden Rhythmen der Nachtbars, von den ratternden Fabriken, in denen gerade neue Waffen und der Büstenhalter erfunden wurden. Hier oben, im Klang-Vakuum der Berge, konnte Mahler den Krach seiner Welt neu ordnen. Wenn er wieder hinab stieg in die Welt der Konzertsäle, schockte er sein Publikum, das gerade auf dem Vulkan tanzte, mit Pauken und Trompeten.

Die Musikgeschichte ordnet Gustav Mahler gern als Spätromantiker ein, weil er von Weber und Wagner schwärmte und ihre Klangphilosophie zu Ende dachte. Heute wissen wir, dass Gustav Mahler eigentlich ein postmoderner Komponist war, einer der die Klänge der Welt als Selbstbedienungsladen verstanden hat, einer der die Ordnung der klassischen Sinfonie durch Eklektizismus aushebelte, für den musikalische Motive höchstens assoziative Erinnerungsfetzen waren, für den die eigentliche Musiksprache nicht im Orchester sondern im Kopf der Zuhörer entstand. Gustav Mahler ist das Kind einer verrückten Zeit. Europa stand vor dem Ersten Weltkrieg, und Sigmund Freud versuchte die durchgedrehten Seelen der Menschen auf seiner Couch in Wien zu durchschauen.

Soundtrack der Psychoanalyse

Mahlers Kompositionen waren die Begleitmusik des Zeitalters der Extreme. In seinen Sinfonien klingen Kuhglocken, es scheppert Jahrmarktsmusik, man hört Märsche und Walzer. Doch im Gegensatz zu den Klängen auf der Straße hörte sich Mahlers Musik, die er in der Stille der Berge komponierte, nicht mehr lustig an – sie war ein melancholischer, sehnsuchtsvoller Totentanz. Er stellte fallende Seufzer-Sekunden neben jauchzende Natur-Quarten, mixte die Musik zu Schopenhauers Stufenreihe des Seins mit "La Paloma"-Geplänkel. Ohne verschnörkelte Pufferzone krachte die herrliche Dur-Welt auf unsagbare Moll-Tristesse. Einmal, auf einem Jahrmarkt, jubelte Mahler: "Das ist Polyphonie - hier habe ich sie her!"

Seine Partituren sind mit Bekanntem, mit Erinnerungen und Effekten vollgestopft, seine Ländler bleiben fast stehen, seine Märsche stampfen wütend und für seine wilde Rummelmusik scheint kein Karussell schnell genug zu kreisen. Mahler hat die Geräusche seines Alltags in neue Kontexte gestellt – alles wurde zur Erinnerung, alles mit allem verknüpft, alles war Assoziation. Ein gigantisches, psychologisches Klangspiel.

"Er hat alles vorausgesagt"

Die Erkenntnis, dass Gustav Mahler nicht nur Kind seiner Zeit war, sondern in seiner Musik nach der ewig gültigen Seele des modernen Menschen forschte, dass er die dunklen Ecken der Phantasie ausleuchtete und im Fleisch unserer Körper stocherte, haben wir zum großen Teil Leonard Bernstein zu verdanken. Wie kein anderer Dirigent vor ihm hat er Mahlers Musik verkörpert, sie nicht dirigiert, sondern durchlitten, seine Orchester nicht zum Schönspiel sondern zum Schnauben, Tanzen, Hoffen und Leiden angetrieben. Besonders die zweite, die "Auferstehungssinfonie", hat Bernstein zum großen Welttheater erhoben, mit  der er sogar dem ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy gedachte.

Bernstein hat in Mahler sowohl die Großbildleinwand Hollywoods als auch die komplexen Strukturen der Kammermusik entdeckt – er hat bewiesen, dass Mahler unser Zeitgenosse ist. "Erst jetzt, nachdem wir nahezu alles durchgemacht haben", sagte Bernstein einmal, "die rauchenden Schlote von Auschwitz, die unsinnigen Bombardements der vietnamesischen Dschungel, die Ermordung Kennedys, den südafrikanischen Rassismus, die arabische Einkreisung Israels, den Rüstungswettlauf - erst jetzt begreifen wir Mahlers Musik, begreifen, dass er alles vorausgesagt hat."

Aktuelle Erinnerung

Mahlers Musik ist immer da, sie ist selbst zu einer Erinnerung geworden, an jene Zeit, da der Mensch modern geworden ist und seine Psyche zur Kategorie seines Daseins. Visconti hat das Adagio der fünften Sinfonie in "Tod in Venedig" zum Leidmotiv erhoben, und selbst "Hannibal Lecter" mordet mit Mahler.

Inzwischen sind Mahler-Interpretationen zu einer Art Pulsmesser der Gegenwart geworden. Sir Georg Solti hat ihre Strukturen analysiert, Pierre Boulez ihn als Vater Schönbergs vorgestellt und Simon Rattle hat ihn als Eklektizisten in die Postmoderne gebeamt. Aber auch Bruno Walter, Claudio Abbado und Riccardo Chailly zeigen, dass die Mahler-Renaissance nicht zu stoppen ist. Sie alle suchen ihre eigenen Perspektiven auf unsere chaotische Welt, wenn sie anfangen, Mahlers Klangpanoptikum zu ordnen. Die Interpretation seiner Sinfonien ist der Soundtrack unserer Gesellschaft geworden, an ihnen ist abzulesen, wie die Welt tickt, wie groß die Schizophrenie der zivilisierten Gesellschaft zwischen düsteren Abgründen und schillernden Hoffnungen ist. Der Dirigent Rafael Kubelik sagte einst: "Beethoven bezeichnet man immer als Prometheus, er wollte den Menschen den Himmel bringen. Für die Zukunft sehe ich in Mahlers Werken diese Mission."

Ein Außenseiter als Weltversteher

Gustav Mahler war nur einen Meter und sechzig Zentimeter klein. Er war ziemlich hässlich, hatte eine hohe Stirn und litt an Hämorriden. Trotzdem beeindruckte er die Menschen, denen er begegnete. Seine wachen Augen, seine Melancholie, sein verschrobener Humor zog die Menschen in Bann. Mahler war immer eine Minderheit: als Böhme unter Österreichern, als Österreicher unter Deutschen, als Jude in der ganzen Welt. Und: er war ein gebrochener Mann. Von seinen 11 Geschwistern starben sechst im Kindesalter, auch seine Eltern starben früh und er musste sich um seine Geschwister kümmern. Nachdem er Rückerts "Kindertotenlieder" komponiert hatte, starb seine Tochter Anna Maria an Scharlach – Mahler bat um Audienz bei Freud. Vielleicht konnte nur einer wie er diese Musik schreiben, ein Außenseiter, der die Welt nicht aus den Augen der Masse, sondern aus dem eigenen, verletzten, ängstlichen Herzen beobachtet hat.

Vom Klang-Vakuum zum Krach

Seine Frau Alma Schindler nannte Mahler ihren "Amokläufer", weil er mit seinem musikalischen Temperament die ganze Welt auseinander nehmen wollte. Er inspirierte Zemlinsky, Schönberg, Berg und Schostakowitsch und legte die Grundsteine für die Neue Musik. Als Operndirektor förderte er jede musikalische Revolution persönlich, etwa als er sich für Richard Strauss’ "Salome" einsetzte, die vom spießigen Wiener Opernpublikum verboten wurde. Mahler wollte in der Musik über die Zukunft der Menschheit erzählen, als das etablierte Bürgertum noch gar nicht begriffen hatte, dass längst eine neue Zeit eingeläutet war.

Bis heute gehört Gustav Mahler wohl zu jenen Komponisten, die ein neues Zeitalter der klassischen Musik eingeläutet haben, die Konventionen der Klassik und der Romantik radikal fortgeführt haben, die dem Zeitalter der Extreme einen neuen Klang geschenkt haben. In seinen Werken tanzt eine verrückt gewordene Welt voller Hoffnungen schnurstracks in die Melancholie. Wo also sind wir, wenn wir heute Mahler hören? Wo liegt seine Komponisten-Klause wirklich? Vielleicht irgendwo auf den Grenzen der Welt und der Zeit, von Traum und Wirklichkeit. Aus seinem Almen-Klangvakuum hat Gustav Mahler Musik geschaffen, die den Rummel unserer Welt bis heute bestimmt.