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12.05.2010

Rechtsdrehende Musik trifft Schule des Lächelns

Nach drei Trioaufnahmen und einem Soloalbum präsentiert sich die amerikanische Pianistin Marilyn Crispell auf ihrem fünften ECM-Album im Duo mit dem Klarinettisten David Rothenberg

Marilyn Crispell, Rechtsdrehende Musik trifft Schule des Lächelns © Rudolf van Dommele / ECM Records Marilyn Crispell & David Rothenberg © Rudolf van Dommele / ECM Records

Intuitionsgesteuert war die Musik der Pianistin Marilyn Crispell schon immer. Doch während sie früher sehr perkussiv spielte, mit donnernden Tonclustern um sich warf und das Tempo forcierte, ist sie vor einiger Zeit zu einer nuancenreicheren, leiseren und lyrischeren Spielweise übergegangen. "Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, dass sich mein Stil im Laufe der Jahre geändert hat, er hat sich nur mehr geöffnet", stellt sie klar. "Mir lag es schon immer mehr, meine rechte Gehirnhälfte zu benutzen. Ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb ich überhaupt zur Improvisation gefunden habe. Aber die energische Musik, die ich früher spielte, und die leiseren Sachen, die ich seit einiger Zeit mache, sind gleichermaßen intensiv. Es sind einfach zwei Seiten derselben Münze."

Marilyn Crispell und Klarinettist David Rothenberg begegneten sich das erste Mal in den frühen 1980er Jahren in Karl Bergers Creative Music Studio. Dennoch begannnen sie erst 2004 miteinander zu spielen, zunächst noch im Trio mit dem Multiinstrumentalisten Richard Nunns, dann als Duo. Um die Spontaneität ihrer Interaktionen auf "One Dark Night I Left My Silent House" nicht zu kompromittieren, gingen Crispell und Rothenberg ohne vorherige Absprachen ins Studio.

"Wir sprachen schon seit Jahren darüber, gemeinsam eine Platte aufzunehmen", erzählt Rothenberg, "aber wir planten nichts. Marilyn probt nicht gerne. Das hat vielleicht damit zu tun, dass man die besten Improvisationen einfängt, wenn man eine erste, spontane Begegnung aufzeichnet."

Als sich die beiden dann schließlich im März 2008 im Nevassa Studio in Woodstock zu den Sessions für "One Dark Night I Left My Silent House" trafen, ließen sie ihrer spontanen Kreativität folglich freien Lauf.

"Normalerweise mache ich mir viele Gedanken darüber, wie ich das lyrische Element der Musik mit dem freien ausbalancieren kann, wie ich eine gewisse Tradition wahren und dabei dennoch vollkommen neu und frisch klingen kann", erläutert Rothenberg. "Es ist im Prinzip ein einfaches Konzept, aber es in die Tat umzusetzen, ist nahezu unmöglich. Zwei Künstler, die mit ECM assoziiert werden und bei denen ich einst studierte, haben mir geholfen, das zu erreichen: Von Jimmy Giuffre lernte ich, nie mit meinem Ton zufrieden zu sein. Er meinte, man könne ihn immer voller klingen lassen, ihn mit einem Luftkissen in bessere Form bringen. Joe Maneri brachte mir bei zu lächeln, ja, sogar zu lachen, wenn ich etwas Waghalsiges und Ungewohntes ausprobiere."

Dass Rothenberg (der als Professor für Philosophie am New Jersey Institute of Technology lehrt und überdies als Naturkundler bekannt ist) ein Faible für Ungewöhnliches besitzt, bewies er auch mit seinen Büchern, in denen er sich u. a. mit dem Gesang von Vögeln und Walen beschäftigt. "Warum Vögel singen: Eine musikalische Spurensuche" erschien 2007 im Spektrum-Verlag auch in deutscher Übersetzung.

In ruhigen, poetischen Instrumentaldialogen entsteht auf "One Dark Night I Left My Silent House" eine neue improvisierte Musik, die nicht selten die Grenzen des Jazz überschreitet. Benannt wurde das Album übrigens nach Peter Handkes 1997 erschienenem Roman "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus".