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Jóhann Jóhannsson Biografie

Der preisgekrönte isländische Komponist, Musiker und Produzent Jóhann Jóhannsson (1969–2018) verband in seiner Arbeit elektronische Klänge mit klassischer Orchestrierung. Sein Werk ist gekennzeichnet durch Einflüsse von Barockmusik, Minimalismus, Drone und elektroakustischer Musik. 2015 erhielt Jóhannsson den Golden Globe für seine Musik zu Die Entdeckung der Unendlichkeit, James Marshs Filmbiografie über das Leben des Physikers Stephen Hawking, sowie Nominierungen für den Oscar®,BAFTA, Grammy® und Critic’s Choice. 2016 wurde Jóhannsson wiederum für den Oscar, Golden Globe und BAFTA nominiert, diesmal für die beste Originalmusik zum Film Sicario des Regisseurs Denis Villeneuve. Im selben Jahr kam auch Villeneuves Arrival heraus, ein Film über Sprachwissenschaftler, die die Zeichensprache von Aliens entschlüsseln, und auch hier wurde Jóhannssons Musik für einen Grammy, Golden Globe und BAFTA nominiert. Seine letzte Filmmusik schuf er für The Mercy, James Marshs Filmbiografie des Seglers Donald Crowhurst, sie erschien am 2. Februar 2018.

Mit elf Jahren bekam Jóhannsson seinen ersten Klavier- und Posaunenunterricht in seiner Heimatstadt Reykjavík. Die formale Musikausbildung gab er an der Oberschule auf, und nach einem Literatur- und Sprachstudium an der Universität schrieb er zehn Jahre lang Musik für Indie-Rock-Bands, in denen er auch spielte. Er nutzte dröhnend übersteuerte und Feedback verstärkte Gitarrenklänge, um Stücke zu komponieren und komplexe, mehrschichtige Klangwelten zu gestalten. Durch die digitale Manipulation akustischer Instrumente schuf Jóhannsson eine Musik, die akustische und elektronische Klänge zu etwas ganz Individuellem und Neuem verband.

Sein erstes Album, Englabörn, erschien 2002 beim britischen Label Touch. Es zeigt vielerlei Einflüsse von Erik Satie, Bernard Herrmann, Purcell und Moondog bis zu elektronischer Musik, wie sie von Labels wie Mille Plateaux und Mego veröffentlicht wurde. Zu seinen späteren Arbeiten gehören Virðulegu Forsetar (2004) für Blechbläser, elektronische Drones und Schlagzeug sowie die Orchester-Alben Fordlândia (2008) und IBM 1401 – A User’s Manual (2006). Letzteres war inspiriert von den Tönen der elektromagnetischen Prozesse der ersten, bahnbrechenden IBM-Großrechner. 2010 arbeitete Jóhannsson mit dem Avantgarde-Filmemacher Bill Morrison an The Miners’ Hymns, einer lyrischen und nachdenklichen Betrachtung über die verlorene industrielle Vergangenheit Großbritanniens und das Erbe der Bergbau-Reviere im Nordosten Englands. Die Filmmusik, die als konzertante Aufführung konzipiert ist und auch als Album erschien, verbindet Blechbläser, Orgel und Elektronik. 2015 wurde Drone Mass, Jóhannssons Stück für Streichquartett, Electronics und Vokalensemble im Metropolitan Museum in New York uraufgeführt.

Außer seinen Soundtracks für Hollywood schuf Jóhannsson auch die Musik für eine Reihe erfolgreicher anderer Filme und Dokumentationen wie Lou Yes Mystery, János Szász’ Tagebuch einer Verrückten und Max Kestners Träume in Kopenhagen. 2015 vollendete er seinen ersten Kurzfilm als Regisseur, Ende des Sommers. Der Film ist eine langsame, hypnotische Reise durch die herben Landschaften der entlegenen Insel Südgeorgien und der antarktischen Halbinsel, wobei die Bilder von einem eindringlichen Soundtrack begleitet werden. 2017 brachte Jóhannsson beim Manchester International Festival ein weiteres anspruchsvolles Regieprojekt heraus, Last und First Men. Hier wird ein auf Olaf Stapledons Science-Fiction-Roman basierender und von Tilda Swinton gelesener Text einer beindruckenden futuristischen und zugleich verfallenden Landschaft gegenübergestellt; gefilmt hat Brandth Grøvlen im ehemaligen Jugoslawien und zu hören ist Jóhannsons eigene symphonische Musik.

Als Komponist von Orchester-, Kammer- und Bühnenmusik schrieb er unter anderem Werke für das Winnipeg Symphony Orchestra, Bang on a Can, Theatre of Voices, Det Norske Teatret und das isländische National­theater.

Jóhannsson gab sein Debüt bei Deutsche Grammophon mit seinem ersten Studio-Album seit sechs Jahren im September 2016. Orphée war von unterschiedlichen Interpretationen des Orpheus-Mythos inspiriert und arbeitet mit einer großen Klangpalette – akustische Instrumente und Elektronik –, um die Grenzen zwischen Dunkelheit und Licht zu erkunden. Es handelt von Unbeständigkeit, Erinnerung und dem ungreifbaren Wesen der Schönheit und feiert schließlich die Kunst und ihre Kraft der Erneuerung.

Jóhann Jóhannsson starb am 9. Februar 2018 im Alter von 48 Jahren in Berlin.

2/2018