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Album Tracklisting
Gustav Mahler, Recomposed by Matthew Herbert - Mahler Sinfonie 10, 00602527344386
Recomposed by Matthew Herbert - Mahler Sinfonie 10
Matthew Herbert, Gustav Mahler, Giuseppe Sinopoli, Philharmonia Orchestra London, Philharmonia Orchestra, Recomposed
Format:
CD
Label:
Deutsche Grammophon (DG)
VÖ:
28.05.2010
Bestellnr.:
00602527344386
Produktinformation:

Matthew Herbert ist seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten musikalischen Feldern erfolgreich. Er ist die graue Eminenz hinter den im Jahr 2000 gegründeten Accidental Records. Er arbeitete als Produzent, Remixer, DJ und Autor von Filmmusiken. Seine Musik wurde an Orten wie dem Royal Court, dem Broadway oder dem Sydney Opera House aufgeführt. Mit der Matthew Herbert Big Band feierte er Erfolge. Ganz zu schweigen von der Fülle an Veröffentlichungen, die er unter Pseudonymen wie Wishmountain, Herbert, Radio Boy oder Doctor Rockit herausgebracht hat. Für House, Elektronika und experimentelle Elektronik hat Matthew Herbert entscheidende Impulse geliefert. Sein größter, wiewohl umstrittener Verdienst liegt jedoch im Postulat der politischen Dimension von Sampling. Bei Herbert wird House zu Klangkunst oder zum instrumentalen Protestsong. Für ihn liegt Konsumkritik im Knistern von Chips Tüten oder in dem Geräusch, das entsteht, wenn jemand krachend in einen Apfel beißt. Die Herkunft der Klänge, mit denen der akribische Sample-Archivar Herbert arbeitet, ist für ihn von entscheidender Bedeutung. Ästhetische und politische Erwägungen sind der Schlüssel zu seinem Werk. Matthew Herbert ist eine kontroverse Künstlerpersönlichkeit, umgeben von Bewunderern und Kritikern, die ihm die systematische Aufwertung seiner Musik mit theoretischen Überbauten vorwerfen. Herbert, der immer konzeptuell gearbeitet hat, ist geradezu prädestiniert für die Recomposed-Reihe.

Gustav Mahler, dieser große Komponist an der Schwelle zur Moderne, schrieb seine letzte Sinfonie in der Zeit einer schweren Lebenskrise. So sehr, wie Freund und Bewunderer Arnold Schönberg in der neunten Sinfonie Mahlers den Verlust eines Subjekts zu beobachten meinte, so sehr bricht sich dieses Subjekt Bahn im letzten, tragischen Werk Mahlers. Seine Unvollendete ist Ausdruck der persönlichen Hölle, die er im Sommer des Jahres 1910 durchlitt. Mahler war verzweifelt, die Abgründe von Verlust und Wahnsinn umgaben ihn. Der Tod, immer ein zentrales Motiv bei Gustav Mahler, scheint in Sinfonie No.10 Gestalt anzunehmen. Ein Umstand, den Matthew Herbert zum Ausgangspunkt seiner Auseinandersetzung mit Mahlers Zehnter machte.

Herbert hat Mahler beim Wort genommen. Er baute ein Autoradio in einen Sarg ein, ließ die Zehnte darauf abspielen und nahm das Ergebnis wieder auf. Das Bratschensolo aus der Einleitung ließ er am Grab des Meisters in Wien neu einspielen. Über die Lautsprecher in einem Krematorium spielte er das Adagio ab und platzierte ein Aufnahmegerät hinter dem Vorhang. Es ging ihm darum, das Nebeneinander des Banalen und Erhabenen in Mahlers Werk, die ständige Reibung von Leben und Tod, Liebe und Verzweiflung, Größe und Vergänglichkeit sozusagen zu seinem Arbeitsmaterial zu machen. „Meine Fassung soll keineswegs nur die Faszination des Todes darstellen, sondern eine Übersteigerung der unbequemen Balance, die Mahler zwischen Licht und Dunkel herstellte. Es ist die Lust am Konflikt zwischen der Furcht und der Herrlichkeit“, so Matthew Herbert.

So hat man stets das Gefühl der Doppelbödigkeit, wenn man sich Herberts Version von Mahlers Zehnter annähert. Unter dem vermeintlich sicheren Grund wartet das Dunkle, Unbekannte. Das Hörbare, sinnlich erfahrbare, hat eine Schattenseite. Und immer wieder drängen die Schatten an die Oberfläche.

Meisterlich hat Herbert das psychisch wie künstlerisch dünne Eis, auf dem Mahler sich im Sommer 1910 bewegte, hörbar gemacht. Durch subtile Bearbeitungen der Struktur, des Klanges und der Räumlichkeit hören wir die zehnte Sinfonie, wie wir sie noch nicht gehört haben. Mal zart unterstreichend, mal überzeichnend betrachtet Matthew Herbert Mahlers Unvollendete von innen heraus. Durch sein Gespür für Zeit und Dramaturgie werden wir unweigerlich in dieses Hörspiel über Mahler und sein letztes großes Werk hinein gezogen. Etwa der Raumklang des Zimmers, das den Komponisten umschließt und einengt wie ein Cocon, Schritte und Rascheln von Papier in klaustrophobischer Enge, gehören zu den wenigen Overdubs, die Herbert für sein Mahler-Projekt benutzt hat. Die Analogie zur Isolation, in der Gustav Mahler in seinem Komponierhäuschen in Toblach mit seiner Verzweiflung gerungen hat, liegt auf der Hand.

Matthew Herbert hat die Recomposed-Reihe um einen entscheidenden Aspekt bereichert: Den des werkimmanenten Arbeitens. Sein Bestreben war nicht, zur zehnten Sinfonie seine persönliche Sichtweise beizusteuern, sondern sie zu verstehen und ihren Konfliktreichtum zu verstärken. Viel mehr als eine Re-Komposition hat Herbert ein Werk der Klangkunst geschaffen, das die zu bearbeitende Musik als Material nimmt und damit eine Spiegelung herstellt. Eine Reflektion über Gustav Mahler und seine zehnte Sinfonie im Wortsinn.