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07.01.2014
Milos Karadaglic

Ein Interview mit Milos zu seinem neuen Album Aranjuez

Für sein drittes Album, das ebenso wie die beiden vorigen bei Mercury Classics/Deutsche Grammophon erscheint, begibt sich Miloš Karadaglić ausgehend vom Concierto de Aranjuez auf eine Reise durch die spanische Musiklandschaft.

Milos Karadaglic, Ein Interview mit Milos zu seinem neuen Album Aranjuez © Lars Borges / Mercury Classics Miloš Karadaglić - Aranjuez

Schon seit dem 16. Jahrhundert befindet sich in der Stadt Aranjuez etwa 50 km südlich von Madrid einer der Sommersitze der spanischen Könige und Königinnen. Die Palastgärten von Aranjuez sind berühmt für die Schönheit ihrer Anlagen und für ihre bezaubernde Atmosphäre. Anfang der 1930er-Jahre verbrachten Joaquín Rodrigo und seine frisch angetraute Frau Victoria Kamhi hier einen Teil ihrer Flitterwochen. Der Ort zog den blinden Komponisten so stark in seinen Bann, dass er 1939, als er das Concierto de Aranjuez komponierte, das Gefühl hatte, die Gärten zu musikalischem Leben zu erwecken. Für Miloš Karadaglić ist das Werk »der Heilige Gral der Kompositionen für Gitarre und eine nie versiegende Inspirationsquelle. Der erste und dritte Satz sprühen von Energie und Rhythmus. Sie sind ein Gemälde der Natur, des Glücks und der Liebe. Der legendäre zweite Satz entführt uns in eine andere Wirklichkeit, in der die Gefühle überfließen und jede Saite zur Stimme wird.«

»Der Großteil des Kernrepertoires für die Gitarre sind Solostücke, darum fühle ich mich am wohlsten, wenn ich allein spiele. Bei einem Konzert bin ich von anderen Musikern umgeben und muss meine Energie daher ganz anders kanalisieren. Dadurch verändert sich mein Ansatz beim Musizieren grundlegend – es ist eine ganz andere Ästhetik des Klangs und auch der Projektion. Ich habe Aranjuez mittlerweile viele Male gespielt und dabei jedes Mal etwas Neues gelernt.«

Begleitet wird Miloš bei dieser Aufnahme in den weltbekannten Londoner Abbey Road Studios vom London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin. »Yannicks Energie ist hochgradig ansteckend, und mit ihm zu arbeiten war ein Erlebnis, das mich elektrisiert hat«, erinnert sich Miloš. »Vor den Aufnahmen trafen wir uns, um die Musik gemeinsam durchzugehen. Dabei lernte ich von ihm vieles, wofür ich ihn ewig dankbar sein werde. Er ermunterte mich zum Beispiel, meine Herangehensweise an die berühmt-berüchtigten Skalen-Passagen zu überdenken. Statt mich auf jede Note einzeln zu konzentrieren, meinte er, solle ich sie mir als Gesten vorstellen und jede in eine andere Richtung führen, als seien es Pinselstriche. Von da an konnte ich mich vollkommen entspannen – ich hatte endlich das letzte Puzzleteilchen gefunden, nach dem ich die ganze Zeit gesucht hatte.«

Das für den spanischen Gitarristen Regino Sáinz de la Maza komponierte Concierto de Aranjuez war schon bald nach seiner Uraufführung das bekannteste Gitarrenkonzert aller Zeiten, nicht nur in seinem Herkunftsland Spanien. Das hinreißende Adagio wurde von Musikern aller Stilrichtungen aufgegriffen oder arrangiert: von Miles Davis, Chick Corea und Jim Hall bis zu Herb Alpert, von Frank Sinatra bis zu José Carreras. Der berühmte spanische Gitarrenvirtuose Andrés Segovia, der sich so intensiv für sein Instrument einsetzte, spielte das Stück interessanterweise nie; er ließ stattdessen die Fantasía para un gentilhombre komponieren, ein weiteres Konzert für Gitarre und Orchester. »Aus irgendeinem Grund habe ich nie ernsthaft in Erwägung gezogen, die Fantasía einzustudieren – vielleicht, weil Aranjuez immer wichtiger war«, sagt Miloš. »Und doch war sie immer präsent, nicht zuletzt deshalb, weil eine gute Freundin mir nach jeder Vorstellung des Concierto de Aranjuez erzählte, dass ihr die Fantasía eigentlich besser gefalle. Als feststand, dass ich das Concierto de Aranjuez für mein nächstes Album aufnehmen würde, beschloss ich schließlich, mir die Fantasía einmal genauer anzusehen. Ich las das Stück durch und war sofort vollkommen begeistert. Die Musik hat die wunderbarste Stimmung und fühlt sich im Hinblick auf Klang und Struktur sogar noch idiomatischer in den Fingern an als Aranjuez. Jeder Satz hat einen anderen barocken Tanz zur Grundlage, doch es gibt auch Momente absoluter Ruhe und Schönheit. Außerdem endet sie, anders als Aranjuez, mit einem lauten Akkord – dem Himmel sei Dank dafür!«

Mit seinem neuen Album feiert Miloš nicht nur zwei der beliebtesten spanischen Kom­positionen für Gitarre und Orchester, sondern begibt sich auch auf eine Spurensuche zu den Anfängen der modernen Klassikgitarre im 20. Jahrhundert und ihrer Anerkennung in der Musikwelt. »Die Gitarre, wie wir sie heute kennen, bildete sich erst Ende des 19. Jahrhunderts heraus, nachdem sie jahrhundertelang verschiedene Transformationen durchlaufen hatte. Der spanische Gitarrenbauer Antonio de Torres entwickelte ein Instru­ment, das größer war als dessen Vorgänger, und läutete damit eine neue Ära ein. Die Gitarre war nun bereit, aus den eleganten Salons der Adelspaläste auszubrechen und sich die Konzertbühnen zu erobern …«
Viele spanische Komponisten studierten in Paris, während im Gegenzug einige der besten »spanischen« Kompositionen von Franzosen geschrieben wurden (z. B. Bizets Carmen und Ravels Rapsodie espagnole). Unter den Spaniern, die nach Frankreich kamen, war auch Manuel de Falla, der dort auf Debussy, Ravel, Dukas und Stravinsky traf. Nach Debussys Tod im Jahre 1918 komponierte de Falla ihm zu Ehren die Homenaje (Hommage), die ebenfalls auf dem Album zu finden ist. »De Falla war der erste etablierte Klassik-Komponist, der für die Gitarre schrieb und sie damit unterstützte – die Homenaje hat der Gitarre unwiderruflich einen Platz auf der Klassikbühne gesichert«, so Miloš. »Es ist ein wirklich außergewöhnliches Stück: Oberflächlich gesehen eher kurz und nicht besonders schwierig, doch wenn man sich eingehender mit der Musik beschäftigt, dann findet man dort eine überaus präzise Art der Komposition, eine demütige Größe.«

Zu den Solostücken auf dem Album zählt auch eine weitere Hommage, diesmal von Rodrigo an de Falla: die Invocación y danza. Für Miloš hat dieses Werk ein besonderes musikalisches Gewicht und eine sehr persönliche Bedeutung: »Ich habe die Invocación y danza zum ersten Mal gegen Ende meines Studiums gelernt. Sie gehört zu den kompliziertesten Kompositionen, die es für die Gitarre gibt. Inzwischen begleitet sie mich schon etliche Jahre – ich spiele sie im Recital, dann lege ich sie wieder ein paar Monate zur Seite und kehre immer wieder neu zu ihr zurück. Und ich stelle fest, dass sie mir jedes Mal wieder etwas Neues zu sagen hat. Musik entsteht tief in unserem Inneren. Ich habe das unbedingte Gefühl, dass dieses Stück einen direkten Zugriff auf diesen innersten Kern hat, mehr als jedes andere. In ihm finde ich immer wieder einen Spiegel für meine musikalische Tiefe und Reife.«

Miloš bisheriges Leben wirkt ebenfalls wie eine lange Reise. Ihren Anfang nahm sie in seinem Geburtsland Montenegro, wo er mit acht Jahren begann, Gitarre zu spielen. Mittlerweile ist sein Name weltweit bekannt, und er zählt zu den erfolgreichsten Klassikgitarristen seiner Generation. Eine entscheidende Rolle für seine Karriere spielte seine Wahlheimat London, besonders während seines Studiums an der Royal Academy of Music.

Aranjuez ist nicht nur eine Reise durch viele der schönsten Landschaften Spaniens – das Album ist auch ein Meilenstein auf der musikalischen Reise eines der talentiertesten und charismatischsten jungen Musiker unserer Zeit. Und es zeichnet die Reise der Klassik­gitarre selbst nach, die im 20. Jahrhundert, nach mehreren hundert Jahren des Wandels, endlich ihre volle Anerkennung fand. »Diese Aufnahmen sind meine persönliche Hom­mage an die Musik und die Musiker, die die Geschichte der Klassikgitarre verändert haben.«

Mit Miloš sprach James Jolly,
Chefredakteur der Musikzeitschrift »Gramophone«
und regelmäßiger Moderator bei BBC Radio 3.