Moden waren ihm suspekt. Als man sich in den Fünfzigern anschickte, mehr und mehr nach historischen Aufführungskriterien zu richten, blieb Karl Richter seiner einmal eingeschlagenen Linie treu und verwendete auch weiterhin moderne Instrumente. Schließlich werde eine uninspiriert gespielte Komposition durch das musikgeschichtliche Beiwerk auch nicht besser, pflegte er prosaisch seine Klarheit zu erläutern. Im kommenden September wäre Richter, der als einer der größten Bach-Interpreten des vergangenen Jahrhunderts in die Annalen seiner Zunft einging, 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat die Deutsche Grammophon in der Reihe Original Masters einige seiner prägnantesten Aufnahmen auf acht CDs zusammengestellt. Viele davon schlummerten lange in den Archiven.
Karl Richter war umstritten. Denn er bevorzugte die Extreme der Interpretation, solange sie zu seiner Vorstellung eines Werkes passten. So stimmte er beispielsweise die "Aria" der "Goldberg-Variationen, BWV 988" am Cembalo betont langsam an, um einige der daraus entwickelten Variationen in verblüffender Präzision zu beschleunigen. Das hatte jedoch nichts mit Exzentrik zu tun, sondern war das adäquate Mittel, die jeweilige Besonderheit der Komposition herauszustellen. Das hatte er während seiner strengen Ausbildung als Schüler von Rudolf Mauersberger, Karl Straube und Günther Ramin gelernt: Wer keine genaue Vorstellung von einem Werk hat, ist auch nicht in der Lage, es stringent zu interpretieren. Anno 1926 im vogtländischen Plauen geboren, kam er als Sohn eines evangelischen Pfarrers bereits in Kinderjahren mit den Bachschen Sakralklängen in Kontakt. Erst Kreuzschüler in Dresden, dann Student der Kirchenmusik bei Karl Straube und Günther Ramin in Leipzig wurde er mit verschiedenen Interpretationstraditionen vertraut und arbeitete sogar ein Jahr lang als Thomasorganist in der Nachfolge des barocken Meisters. Im Jahr 1951 zog Richter nach München und begann schrittweise, als Kantor der Markuskirche und Dozent an der Musikhochschule einen Kreis von Bach-Begeisterten um sich zu sammeln. Er gründete den Bach-Chor (1951), das Bach-Orchester (1953) und erwarb sich mit seinen Künstlern innerhalb kurzer Zeit den Ruf eines herausragenden Bach-Interpreten.
Egal, ob als Ensemble-Leiter, Cembalo-Spieler oder Organist, Richter folgte seiner Idee von Klängen, von lebendigem Ausdruck und beseeltem Geschehen auf der Grundlage technischer und instrumentaler Meisterschaft. Das wird besonders deutlich, wenn man ihn in der Vielfalt seiner musikalischen Betätigungsfelder präsentiert. Die Kompilation in der Reihe Original Masters dokumentiert unter dem Titel "A Universal Musician" beispielsweise von der Ausschnitten aus seinen berühmten Aufnahmen der Bach-Passionen aus dem Jahr 1961 über die vier Orchestersinfonien des Carl Philipp Emanuel Bach bis hin zu Orgelstücken von Mozart, Brahms oder Liszt eine immense Farbenpracht der Ausdrucksformen, die jedoch nie den korrekten Faden der analytisch fundierten Interpretation verliert. Richter ornamentiert nicht, um zu gefallen oder zu romantisieren, sondern nur, wenn es in der Notwendigkeit der Musik liegt. Seine Klangvorstellungen orientierten sich stringent am Optimum einer vermittelbaren Klarheit, die die Schönheit des Gespielten unterstreicht. So bliebt es letztlich gleich, welchen Repertoires er sich annimmt, solange die Musik selbst genug Substanz hat, um aus sich heraus zu wirken. Und das wiederum fasziniert, wenn man sich aus der zeitlichen Distanz den Aufnahmen des 1981 verstorbenen Klangmagiers widmet. Denn so protestantisch klar sie auf der einen Seite gedacht sind, so sehr leuchten sie doch aus der Tiefe ihrer Kunst heraus. Schon deshalb ist die Richter-Box ein Schmuckstück für jeden Klassik-Ästheten mit Freude am Individuellen.










